Mein Buch „China aufgefächert“

20 01 2017

Vor kurzem bin ich über das Manuskript meines Buches über China gestolpert. Der Text wurde nie veröffentlicht, und ich dachte, bevor es auf meiner Festplatte von den Motten gefressen wird, stelle ich ihn online. Die letzte Bearbeitung, dh. vor allem Aktualisierung der Daten, habe ich 2013 vorgenommen, und so werden die Teile, die sich mit aktuellen Ereignissen beschäftigen – Politik, Bankenwesen, Wirtschaft zum Beispiel – heute von den teils stürmischen Entwicklungen überholt und somit veraltet sein. Andere dagegen haben von ihrer Aktualität nichts eingebüßt.

Ich habe vor, diesen Text stückweise online zu stellen, weil ich manches doch noch überfliegen und gegebenfalls aktualisieren werde, falls meine Zeit dafür reicht. Manche Teile des vorliegenden Texts habe ich verfaßt als Unterrichtsmaterial für meine Dozententätigkeit an einem Business College, andere sind das Ergebnis meiner Erfahrungen in China und weitere wiederum waren Gegenstand meines Sinologiestudiums.

Die verschiedenen Teile habe ich dann schließlich zusammengefasst, um dem Leser ein kleines China-Kompendium an die Hand zu geben, in dem er schnell die wichtigsten Informationen zu Geschichte, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft findet. Das Buch sollte ihm auch helfen, sich als Expat oder Student im chinesischen Alltag zurechtzufinden.

Los geht’s heute mit dem Inhaltsverzeichnis auf  der neuen Blogseite – dazu oben CHINA AUFGEFÄCHERT anklicken.

 

 

 





Zu teuer? Zu billig? Egal, China ist immer schuld

9 10 2007

Im Streit um billige Stahlimporte aus China will die Bundesregierung den Druck auf China in der Europäischen Union erhöhen, berichtet die tagesschau: http://www.tagesschau.de/wirtschaft/stahl10.html. Unter anderem heisst es dort: Stahlhersteller wie ThyssenKrupp und Salzgitter werfen China vor, (…) mit Billig-Stahlprodukten auf die internationalen Märkte zu drängen. Die Konzerne wollen sich nun dagegen wehren. China ist der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt und seit kurzem Nettoexporteur. Der deutsche Stahlverband rechnet damit, dass das Land in diesem Jahr zehn Millionen Tonnen Stahl in die EU exportiert – doppelt soviel wie 2006. Am stärksten wird (…) die Nachfrage in Brasilien, Russland, Indien und China steigen, das inzwischen der weltweit größte Stahlproduzent und Stahlverwender ist.

Also ich, Mensch von geringem Verstande, begreife da etwas nicht. Jahrelang wird auf China von allen Seiten eingeprügelt: Nur wegen Chinas unstillbarem Hunger nach Stahl stiegen seine Preise ins unermessliche. Ob Fahrpreiserhöhung bei der Deutschen Bahn ab Dezember (Stahlpreise sind zu hoch) , ob Bauverzögerungen bei etlichen deutschen Bauprojekten (weil die Chinesen jedweden Stahl aufkaufen, so die Projektleitung einer Bahnlinie in München) – an allem ist China schuld. Und nun heulen sie, dass der Stahl billiger geworden ist – und wer ist schuld? China natürlich. Also liebe deutsche Wirtschaftsexperten und Politiker, entscheidet euch! Entweder, oder. Beides geht nicht.

Fakt ist: China hat innerhalb von nur zwei Jahren seine Stahlproduktion fast vervierfacht, und dementsprechend wird der Überschuss nun auf dem Weltmarkt angeboten. Und weil es davon so viel gibt, ist er günstig zu haben. Volkswirtschaftslehre, 1. Semester, 1. Vorlesungsstunde.





Schwer reinzukommen

6 10 2007

Vielleicht habt ihr euch neulich gewundert, dass da einige Tage nichts Neues erschien und dann mehrere Beiträge auf einmal. Der Grund: Ich habe hier derzeit Schwierigkeiten in mein Blog reinzukommen, sowohl als Admin in die Adminzone aber auch als gewöhnlicher Leser. Andere Blogs, ob in Deutschland ob anderswo, kann ich ganz normal lesen. Woran es liegt, weis ich nicht. Gesperrt bin ich wohl auch nicht – weswegen auch! ich kann hier problemlos so richtig „schlimme“ Seiten und Blogs lesen, ob auf Englisch ob auf Deutsch. Das einzige, was mich schmerzt ist die Wikipedia-Blockade. Wikipedia konnte ich hier noch kein einziges Mal aufrufen. Dabei hatte sich der leichte Klick mit dem kleinen Finger der rechten Hand auf die Wiki-Suchleiste bei mir schon tief eingeprägt.

Sollten mal über mehrere Tage keine Beiträge erscheinen, dann bitte trotzdem immer wieder reinschauen.





Der schlimmste Computerfehler…

3 10 2007

… sitzt meist ca. 40 cm vor dem Bildschirm. Diese Weisheit alter Hasen im PC-Kundenservice fiel mir wieder ein, als vor zwei Tagen, beim Lesen von Emails, meine Internetverbindung plötzlich zusammengebrochen war. Weil ich kurz vorher am Rechner gefummelt hatte – Registry gesäubert, verschiedene Updates runtergeladen und installiert -, war ich mir sicher, selbst irgendwelchen Mist verursacht zu haben. Also habe ich zwei Tage lang versucht, den Fehler zu finden und zu reparieren. Aber heute, da dämmerte es mir langsam: Es könnte auch an anderen Dingen liegen. Telefonisch mein Problem auf Chinesisch zu erklären, erschien mir doch noch ein wenig zu früh. Bin hier erst einen Monat. Wissen Sie, der Splitter ist folgendermassen verkabelt: Splitter an TAE-Anschlussdose, und NTBA an Splitter (TAE-Anschlüsse front). Und ich glaube, es liegt an der fehlerhaften Versteckung von RJ45 mit TA33, der an NTBA hängt… Und wenn der TA33 korrekt konfiguriert ist, müsste es eigentlich funzen… Es hat mir schon gereicht, vor einiger Zeit mal für eine Bekannte bei der Deutschen Telekom einfach nur den Anschluss zu kündigen – in Deutschland und auf Deutsch! – ist mir übrigens nicht gelungen. Schon das erfordert neben Fachterminologie auch höhere menschliche Qualitäten wie Geduld und Nachsicht sowie ein Hochschuldiplom in Kommunikation.

Und das gleiche telefonisch auf Chinesisch? Wenn schon auf Chinesisch, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Ist irgendwie leichter. Also nix wie hin zu China-Telecom nach Tangjia. Bin der einzige Kunde. Die freundliche junge Dame hört sich mein Leid geduldig an. Kabel drin? Stecker in der Dose? Strom sonst in der Wohnung? – Ja. Ja. Ja! gebe ich ebenso freundlich zu Antwort. Sie greift zum Telefon und ruft den Techniker an. Sind Sie heute abend zu Hause? – wendet sich sich mir wieder zu. Ja… – stottere ich, völlig unvorbereitet auf so einen Vorschlag. Wann könnten wir denn da sein? Ich schaue auf die Uhr: halb fünf. Muss noch etwas besorgen… Sechs?Geht in Ordnung, so ab sechs, der Techniker hat nämlich noch vorher andere Termine. Bevor ich den Laden verlasse, bittet sie mich noch um meine Handynummer und gibt mir die vom Techniker, für alle Fälle. Dieser Fall ist aber nicht eingetreten. Der Techniker kam kurz vor halb sieben, war super freundlich und hat mein Problem nach fünf Minuten gelöst: ein Fehler an einer Schaltung draussen, oder zumindest habe ich ihn so verstanden, nachdem er kurz weg war und dann zurückkam. Fazit: zwei Stunden nach Bekanntgabe meines Problems war es auch schon gelöst. Und ein Leckerli als Dankeschön, das berühmte 麻花 Schmalzgebäck, das es nur in Tianjin gibt, hat er dankend abgelehnt.

Übrigens: Der Splitter hier ähnelt in Form und Größe einem mp3-Player. Er is kein so ein großer Kasten wie in Deutschland.





Kontoeröffnung in China? Einfacher geht’s nicht.

10 09 2007

Bin heute zur China Construction Bank gefahren, um ein Girokonto zu eröffnen. In einer Filiale in Tang Jia, im nächsten Vorort von Zhuhai, wurde ich am Infoschalter am Eingang von einem freundlichen jungen Angestellten begrüsst. Nachdem er mein Anliegen hörte, füllte er für mich flugs den einseitigen Antrag in DIN-A5-Größe aus, fragte nach meinem Reisepass und verschwand damit im Raum hinter den drei Schaltern. Zuvor noch zog er eine Wartenummer und gab sie mir. Jeder der Besucher zieht nämlich eine Nummer und dann wartet er entspannt in einem Ledersessel im klimatisierten Filialraum bis er aufgerufen wird. Nach einer Minute tauchte der freundliche junge Mann hinter der Panzerglasscheibe auf und legte den kleinen Packen – auf dem Weg dorthin hat er wie selbstverständlich auch noch meinen Pass fotokopiert – vor einen der Schalterangestellten hin, und schon war ich dran. Der ebenfalls sehr junge Angestellte tippte alles flink in den Computer rein und fragte mich, ob ich auch noch Automatenkarte und Onlinebanking haben will. Dann durfte ich auf einer – vor fremden Blicken geschützten – Tastatur meine selbst ausgedachte Geheimzahl zweimal hintereinander eintippen. Danach zog er die Karte mit dem Magnetstreifen durch einen Schlitz, händigte mir die Karte und alle anderen Unterlagen aus und wünschte viel Glück in China und guten Aufenthalt in Zhuhai. Fertig. Nach insgesamt einer Viertelstunde war ich ein stolzer Besitzer eines Girokontos mit Onlinebanking samt PIN-Nummer.





Wohnwelten

9 09 2007

Gestern traf ich einen Deutschen, der hier seit vier Jahren lebt. Er bewohnt in einem Dorf etwas ausserhalb von Zhuhai ein altes chinesisches Bauernhaus, in dem schon seine alte Vermieterin geboren wurde. Den ganzen Abend schwärmte er von seinem, teilweise baufälligen Haus, sodass ich mir schon ein lebendiges Bild davon machen kann, ohne das Haus je gesehen zu haben. Nach dem Essen, auf dem Weg zur Hauptstrasse, führte er mich noch durch das alte Viertel von Tang Jia – das übrigens unter Denkmalschutz steht – mit seinen engen, an manchen Stellen kaum mehr als schulterbreiten Gassen, streunenden Hunden und einem Familienleben, das sich zum Teil draussen vor dem Haus abspielt. Durch die weit geöffneten Türen und Fenster konnten wir in viele der alten Häuser hineinlugen. Und bei jeder Gelegenheit sagte er: So ähnlich sieht es in meinem Haus auch. Bei meinem Haus ist dies oder jenes allerdings besser/schlechter erhalten. Und bei jedem seiner Worte konnte ich seine Begeisterung und Liebe zu so einem alten Haus mit Geschichte spüren.

Heute fahre ich mit dem Bus von der Stadtmitte nach Hause zurück. Mitten im Zentrum von Zhuhai mit seinen gigantischen unterirdischen Einkaufszentren, Wolkenkratzern und anderen stählernen Türmen steigt eine junge Chinesin in den Bus und setzt sich neben mich. Wir kommen ins Gespräch. Sie fuhr von der Schule, wo sie arbeitet, nach Hause zurück, um sich um ihr Kleinkind zu kümmern, das vormittags von ihrer Mutter versorgt wird. Einige Haltestellen weiter, an einer gigantischen Kreuzung mit Tag und Nacht tosendem Autoverkehr, deutete sie aus dem Busfenster auf zwei blitzblankneue Wohntürme und sagte, in einem von denen würde sie mit Ehemann und Kind wohnen. Sie zeigte dabei mit ihrem Finger auf eine der höheren Etagen – so schätzungsweise zwischen der 17. und 20. Auf meine Frage hin bestätigte sie, dass sie glücklich ist so zentral und vor allem in so einem modernen Haus zu wohnen. Ihr Gesicht leuchtete, als sie mir das erzählte.





Die 4 verliert

8 09 2007

Vor einiger Zeit wollte die südlichste Provinz Chinas Hainan die Ziffer „4“ von den Autoschildern verbannen und machte sich sofort an die Arbeit: ein entsprechendes Gesetz musste her. Dazu muss man wissen, dass die Zahl „4“ und der „Tod“ m Chinesischen gleich ausgesprochen werden: „si“. Also werden der armen 4 unheilbringende Kräfte zugeschrieben, und sie hat daher auf Autoschildern und in Krankenhäusern nichts zu suchen, und auch sonst wird sie gemieden. Als die Kunde von dem Gesetzesvorhaben in der kommunistischen Zentrale ankam, da donnerte es aus dem fernen Beijing: Sagt mal, spinnt ihr da unten?! Schämt ihr euch nicht, dem alten Aberglauben Vorschub zu leisten! Wir haben das 21. Jahrhundert, die Kaiserzeit ist längst vorbei! Mit ihrer – den Südländern dieser Welt scheinbar eigenen – Mischung aus Bauernschlauheit, Gelassenheit und Standhaftigkeit baten die abergläubischen Kommunisten von der Trauminsel ihre Genossen im fernen Norden auch nur um ein einziges Foto einer Regierungslimousine mit einem Autoschild, auf dem die „4“ zu sehen ist. Das Gesetz wurde wie geplant verabschiedet, auf dieses Foto warten sie allerdings bis heute. Übrigens: Aus dem gleichen Grund werden in meinem Handyladen die Handynummern, in denen die 4 vorkommt, für die Hälfte angeboten: Und trotzdem will sie fast niemand haben.