Diao was? – Das Weltkulturerbe vor der Nase

5 11 2007

– Diao was? – bekam ich meist als Antwort zu hören. Selbst manche der angesprochenen Chinesen konnten mit dem Begriff Diaolou nichts anfangen. Dabei wollte ich mir nichts geringeres ansehen als das neueste Weltkulturerbe der UNESCO. Also früh aufstehen, runter nach Gongbei (für die Neuen: die Stadtmitte von Zhuhai), in den Fernbus nach Kaiping umsteigen, hinsetzen, Schuhe ausziehen, Rückenlehne nach hinten drücken und während der dreistündigen Fahrt auf der Autobahn den fehlenden Schlaf nachholen.
Die Stadt Kaiping ist für die architektonisch einzigartigen Diaolou (碉楼) bekannt, auch wenn diese nicht direkt in der Stadt sondern außerhalb stehen. Ein Diaolou, zu Deutsch etwa Wachturmhaus, ist ein befestigtes, meist fünf- oder sechsgeschossiges Haus mit Veranda und verzierten Balkonen, das sowohl als Wohnhaus wie auch, praktischerweise, als Verteidigungsanlage genutzt wurde.
Mehr als 1.800 dieser Wohntürme ragen mitten in den Reisfeldern, den Bambuswäldern und den grünen Berglandschaften in den Himmel. Es gibt drei Arten von Diaolou: Gemeinschafts-Diaolou – gebaut gemeinsam von mehreren Familien; diese wurden auch gemeinsam als Fluchtburgen genutzt; davon stehen noch 473. Familien-Diaolou – gebaut und genutzt von einer einzigen Familie (1.149) und reine Wachtürme, die jüngsten, von denen es noch 221 gibt.
Sie alle sind heute unbewohnt, stehen einsam im Feld oder mitten in einem alten Dorf – und alle erzählen ein Stück chinesischer Geschichte: Von der Emigration chinesischer Bauern im 19. und 20. Jahrhundert in die ganze Welt, vor allem nach Nordamerika und Südostasien. Dort zu Reichtum gekommene Chinesen bauten diese festungsartigen Wohnburgen, um ihre Angehörigen vor Plünderungen der umherziehenden Banden zu schützen.
Die Diaolou kombinieren auf eine skurrile Art und Weise westliche und chinesische Architektur. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Chinesen, die ihre Heimat verlassen hatten und mit dem im Ausland verdienten Geld um Kaiping später Häuser bauten, Stilelemente aus ihren Gastländern mitbrachten. Und damit man von weitem sehen konnte, dass er in der Ferne zu Geld gekommen ist, mussten die Häuser um jeden Preis auffallen. Also wurde die östliche Fassade wie ein toskanisches Landhaus gestaltet, die Südseite wiederum im Stil einer Südstaaten-Villa drapiert. Den restlichen Teilen wurden Barock- oder Jugendstil-Elemente verpasst und oben drauf wurde ein Zwiebelturm draufgesetzt.

Diese skurrile Mischung der architektonischen Stile macht sie so einzigartig, dass sie 2001 von Chinas Zentralregierung unter Denkmalschutz und Ende Juni 2007 von der UNESCO auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt wurden. Und ich find sie so faszinierend, dass ich noch mehrmals dahin fahren werde. Es sind ja nur drei Stunden Busfahrt.
Und hier findet ihr die passenden Fotos:

http://whc.unesco.org/en/list/1112

http://www.china.com.cn/aboutchina/zhuanti/kpdl/node_7018678.htm

http://image.baidu.com/i?tn=baiduimage&ct=201326592&cl=2&lm=-1&pv=&word=%B5%EF%C2%A5+%BF%AA%C6%BD&z=0

(alternativ auf Baidu gehen: http://image.baidu.com/ und dort in die Suchmaske 碉楼 开平 reinsetzen, fertig)

oder auch in meinem Album auf Putfile (eine kleine Auswahl):

http://www.putfile.com/zhouzhouforwenwen

Advertisements




Geld mit mehr Wert

25 10 2007

Neulich habe ich irgendwo einen kurzen Bericht eines deutschen Bankkunden aus Nordchina gelesen. Dieser hatte den Eindruck, er sei für die Angestellten ein Ärgernis gewesen. Als ausländischer Bankkunde sei man schlicht eine doppelte Störung: nicht nur die gewöhnliche in Gestalt eines chinesischen Kunden. Die kann man ganz schnell aus der Welt schaffen, indem man den Kunden wegjagd oder ihm etwa den geforderten Vordruck aushändigt, um sich dann den wichtigen Dingen des Lebens zu zuwenden: essen, trinken, telefonieren. Nein, ein ausländischer Kunde sei ein härterer Brocken. Dieser erfordere nämlich größere Anstrengungen, zum Beispiel ein Gespräch in Englisch. Soweit der Ruf aus Nordchina.

Vor einigen Wochen war es soweit. Mein Bargeld war alle, ich brauchte neues. Bin also in die nächste Filiale nach Tangjia gefahren, dort wo ich mein Konto auch eröffnet hatte. Dort gibt es zwei Geldautomaten. Als ich eine Weile vor dem linken stand, verschiedene Knöpfe drückte und kein Geld rauskam, da gesellte sich ein junger Angestellter von alleine dazu und versuchte mir zu helfen. Er ging die gesamte Palette aller möglichen Tastenkombinationen durch, wie auch ich das vorher getan hatte – trotzdem bot der Automat lediglich die Möglichkeit an, die Karte zurückzubekommen. Meine Kohle rückte er nicht raus. Also holte der Angestellte Hilfe in der Gestalt eines etwas älteren Kollegen. Dieser erklärte, dass ich an dem linken Automaten leider kein Bargeld ziehen kann (den Grund hab ich nicht verstanden), aber am rechten Automaten ging’s problemlos. Die ganze Zeit waren die beiden super nett, geduldig und darauf aus, mich nicht ohne mein Bargeld gehen zu lassen. Zum Schluss entschuldigten sich die beiden geradezu für die Unannehmlichkeiten.

Mir fällt hier in Zhuhai auf, dass egal wo ich hingehe, was auch immer ich brauche die Chinesen hier sind nett, oft hilfsbereit und stets freundlich und geduldig. Meist zueinander, und fast immer zu mir und den anderen Ausländern.

Einen weniger guten Aspekt, was chinesische Banken angeht – dieser hat allerdings nichts mit den Unterschieden zwischen Nord- und Südchina zu tun -, gibt es doch. Als ich neulich in einer anderen Provinz, weit weg von Zhuhai, Geld abgehoben habe, da wurde ein Prozent der abgehobenen Summe als Gebühr berechnet. Ziemlich viel, find ich. Dafür aber ist hier die Kontoführungsgebühr unbekannt.





Gutes Wetter schlechtes Wetter

21 10 2007

Mit zwei gesunden Schultern reist es sich leichter. Selbst eine Einhand-Weltumseglung ist als Zweihand-Törn leichter zu absolvieren. Und weil mir für eine solche Reise nicht nur das Boot sondern zurzeit auch noch eine gesunde Schulter fehlt, bin ich dieses Wochenende zu Hause geblieben. Und so habe ich Zeit und Muße über wirklich wichtige Dinge nachzudenken. Zum Beispiel über das Wetter. Genauer gesagt: gutes Wetter, noch genauer: gutes Wetter zum verreisen. Ob Deutschland ob Südchina – hier wie dort wartet man auf gutes Wetter, um draussen etwas zu unternehmen, etwa eine Reise. Aber im Unterschied zu Deutschland ist es mir hier meist zu heiss, um rauszugehen oder wegzufahren. Mit gutem Wetter meine ich hier kühlere Luft und weniger Sonne. Und weil das Wetter hier so schlecht ist, bleibe ich meist zu Hause. Wie heute: Schon um acht Uhr morgens sind es gefühlte 28°C. Da bietet sich die Schulterverletzung gerade so an, um zu Hause zu bleiben und über das Wetter nachzusinnen.





Kein Loch – auch im letzten Loch

12 10 2007

Mir fällt auf, dass ich in China noch keine Funklöcher erlebt habe. Dabei ist das Land 27 Mal größer als Deutschland. Ok, ich war noch nicht im äußersten Westen, was dem Osten in Deutschland und Europa entspricht. Die Provinzen (bzw. Autonome Regionen) Xinjiang, Tibet, Qinghai oder Innere Mongolei etwa sind wesentlich dünner besiedelt, weniger entwickelt, insgesamt ärmer als die östlichen. Vielleicht ist dort die Versorgung mit Richtfunkanlagen nicht so gut wie hier im hochentwickelten Westen und Süden.

Auf die Überlegung bin ich gekommen, nachdem ich auf meiner Inselwanderung am letzten Sonntag an diesem Schild vorbeigeschlichen bin:

100_3035_a.jpg

Wie man sieht, ist auch meine klitzekleine Insel am Ende von China lückenlos abgedeckt.

Mir fällt überhaupt auf, dass die Chinesen völlig handyverrückt sind. Soweit ich das sehe, haben viele Chinesen gar keinen Festanschluss mehr. In der Stadt – alle drei Meter ein Handyladen, auch die letzte Bäuerin auf dem Geflügelmarkt telefoniert mit der linken, während sie mit der rechten ein lebendes Huhn der Kundin präsentiert. Ich habe hier schon Fischer auf den Booten telefonieren sehen. Neulich hat ein zahnloser Greis im Bus völlig unverständliche Laute in sein Handy gemurmelt. Von den Jungen ganz zu schweigen. Völlig selbstverständlich klappen sie ihr Handy auf, wenn sie im Gespräch mit mir sich nicht verständlich machen können und nach der Englisch-Übersetzung dort suchen. Kommt man in eine andere Stadt, wird man automatisch per SMS begrüsst und mit Wetter- und anderen Informationen versorgt. Mir fällt auf, dass die Chinesen vielfältiger und häufiger ihr Handy benutzen als die Deutschen.

Und viel, viel häufiger als ich. Ich habe nämlich meine abgrundtiefe Abneigung gegen diese kleinen Dinger immer noch nicht abgelegt. Auch wenn ich hier schon sogar Smsen musste, benutze ich mein Handy nicht gerne. Aber es nützt nichts, ich werde mir bald ein neues Handy zulegen müssen: Meines kann nämlich kein Chinesisch.





Ein G für ein M vorgemacht

5 10 2007

Gestern wurden mir an unzähligen Marktständen des riesigen unterirdischen Markts in Gongbei, auf dem Fussweg nach Macau, USB-Sticks mit Sony VAIO drauf und mit 64 GB, ja sogar mit 128 GB drin, angeboten. Und zwar für 8 Euro der kleinere, für 13 Euro der größere, und das schon nach dem ersten Abwinken. Hätte ich überhaupt angefangen zu handeln, hätte ich den Preis locker nochmal halbieren können. Die Händler haben als Reaktion auf meinen skeptischen Blick diesen Stick auch flink in ihre Notebooks reingesteckt, und siehe da: diese haben auch 64 bzw. 128 GB als Volumen angezeigt.

Auch wenn ich eine Speichermöglichkeit dringend brauche, um für den Notfall meinen Daten-Backup zu machen, bin ich skeptisch und standhaft geblieben. Wollte der Sache erst einmal nachgehen. Und siehe da, heute finde ich im Internet http://testberichte.ebay.at/Fake-64-GB-Sony-Vaio-USB-Sticks_W0QQugidZ10000000003939346 folgende Meldung: Hallo an alle, wieder einmal sind hier Fakes von 64 GB Memory Sticks zu beobachten. Angeblich sollen diese von der Marke Sony sein und aus der Modellreihe VAIO.Einen solchen USB Memorystickk hatte ich kurz in den Händen und konnte durch Tests feststellen, dass diese sich als Produkt der Firma ALCOR identifizierten und die „wahre“ Grösse wohl bei ca. 1GB liegen. Verschiedene Dateien wurden nur mit Nullen aufgefüllt oder geschrieben (siehe auch schon meine Vorgänger!). Beim Löschen und einem HKDSK darach wurden reihenweise unverkettete Einträge gefunden. Ein Hinweis auf fehlende Informationen. Ein Ausführen der Routine CONVERT (um das Medium in ein NTFS-LW zu konvertieren) schlug fehl.

Auch das ist China. Ich denke, ich werd mir demnächst in Hongkong oder Macau eine große externe Festplatte zulegen. Ist wohl die optimale Lösung.





Mit den Capri-Fischern nach Macau

4 10 2007

Voller Vorfreude – nach meiner Reise nach Nordchina und dem anschliessenden dreitägigen Auskurieren der Montezumarache – bin ich heute morgen in aller Herrgottsfrühe, das heisst gegen acht, nach Macau aufgebrochen. Endlich nach Macau! mit einem Langzeitvisum, keine Gebühren, kein neues Visum notwendig, das wird ein Spaziergang, ein schöner und voller Erinnerungen noch dazu.

Zunächst von meiner Insel nach Tangjia, in den 10er Bus umgestiegen, eine knappe Stunde nach Gongbei. Während der Fahrt liefen mir Bilder vom Heiligabend 1980: zuerst mit ein paar Freunden in die zweisprachige – auf Kantonesisch und Portugiesisch abgehaltene – Christmesse in der großen, überfüllten barocken Str. Francis Xavier Kirche, danach zu Füssen der Fassade der ausgebrannten Kathedrale Sao Paolo uns auf den Rasen gelegt unsere Schätze ausgepackt: Schwarzbrot, Schweizer Käse und eine Flasche Chianti, die wir kurz vorher in Hongkong gekauft hatten. Das war das erste Mal nach einem knappen halben Jahr in Taiwan, das wir etwas westliches essen und trinken konnten. Und vor uns soweit das Auge reicht, das jadegrüne Perlflussdelta, mit chinesischen Fischerbooten, die vor der blutroten, im Meer versinkenden Sonne im Hintergrund, mit ihrem Fang nach Hause zurückkehrten… Ein Genuss für alle Sinne. Das Lied Die Capri-Fischer auf Chinesisch, live und in Farbe, selbst eine Freundin hieß Marie (ok: Maria, und kam nicht aus Capri sondern aus Karlsruhe oder so, aber immerhin); nur vom Ablauf her anders herum als es Rudi Schuricke beschrieb.

Wir sind in Gongbei! – kreischt die Stimme aus allen Lautsprechern, auch aus dem direkt über meinem Ohr. Plötzlich rausgerissen aus meinen traumhaften Erinnerungen, sehe ich schon beim Aussteigen an der Endhaltestelle vor dem gigantischen Grenzübergang die Gründe, warum ich auch heute nicht nach Macau gehen kann: Sie sind viele tausend an der Zahl, alle haben schwarze Haare, sind chinesisch und stehen Schlange. Die Goldene Woche! Eine der dreien im Jahr. Mein Vorstellungsvermögen hatte mich schlicht im Stich gelassen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Myriaden Chinesen meine Idee heute, ausgerechnet heute! in die Tat umsetzen werden.

Am liebsten würde ich es mit Rudi Schuricke halten: ich komm zurück morgen früh. Das Problem ist nur, dass es morgen früh nicht anders sein wird. Also bis zum nächsten Mal, irgendwann. Um es mit den Capri-Fischern zu schliessen: Macau, ich vergess dich nie!





Wanderer, kommst du nach Zhuhai…

4 10 2007

… verkündige dorten, du habest deine Digitalkamera auf einer Parkbank liegen lassen, und wie das Gesetz es befahl, wurdest du von den Chinesen darauf aufmerksam gemacht!

Da ich schon mal da war, bin ich gleich im Zentrum von Zhuhai geblieben. Ein wenig rumgelaufen, Fotos gemacht, was gegessen. Als ich mich auf einer Bank ausgeruht habe, setzte sich ein junges Mädchen dazu. Wir haben uns so an die zwei Stunden unterhalten, und als wir dann aufgebrochen sind – sie zu ihrer Yin-Yang-Schule, ich den langen Weg nach Hause – , riefen ein paar der umhersitzenden Chinesen unisono etwas laut hinter mir her und deuteten auf unsere Bank: Ich habe meinen Fotoapparat liegen lassen!

In der wikitravel unter den Stichworten Macau und Sicherheit (http://wikitravel.org/de/Macau) steht: Mostly harmless. Es kommt gelegendlich vor, dass jemanden die Geldbörse geklaut wird, lang nicht so oft wie in ZhuHei, wo dies ein richtiger Volkssport ist. (Originaltext, ohne Änderungen)