Das Letzte vom Ringelnatz

30 12 2008
 

Silvester

Daß bald das neue Jahr beginnt,
Spür ich nicht im Geringsten.
Ich merke nur: die Zeit verrinnt
Genau so wie zu Pfingsten,

Genau wie jährlich tausendmal.
Doch Volk will Griff und Daten.
Ich höre Rührung, Suff, Skandal,
Ich speise Hasenbraten.

Mit Cumberland, und vis- à-vis
Sitzt von den Krankenschwestern
Die sinnlichste. Ich kenne sie
Gut, wenn auch erst seit gestern.

Champagner drängt, lügt und spricht wahr.
Prosit, barmherzige Schwester!
Auf! In mein Bett! Und prost Neujahr!
Rasch! Prosit! Prost Silvester!

Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt
In heimlichen Geweben.
Wenn heute nacht ein Jahr beginnt,
Beginnt ein neues Leben.

Joachim Ringelnatz
aus: Allerdings

Mein neues Leben begann vor etwa zwei Wochen, wenn auch ohne Krankenschwester, Champagner und Skandal, dafür aber mit Rührung.  Den Abschied von China umwehte doch eine zarte Wolke aus Wehmut. Diese wurde aber schnell von den neuen Herausforderungen vor Ort in Tacloban in der tiefsten philippinischen Provinz verweht: unser Haus von Kakerlaken befreien, neues Bett kaufen, den Wasserfall aus der Klospülung auf Bachstärke drosseln, sich auf den Märkten nicht übers Ohr hauen lassen und einiges mehr. Und nicht zuletzt eine Heiligabendfeier für drei Dutzend Gäste aus dem Nichts zaubern.

Als meine Freundin auf meine Frage, was wir denn besonderes all den Gästen anbieten könnten, "Spaghetti" antwortete, da dachte ich zuerst, es ist schon wieder so eine höfliche Reaktion, nach dem Motto: Wir wollen den Neuankömmling nicht gleich mit ausgefallenen Wünschen: Karpfen blau, geröstete Prinzessinenböhnchen undsoweiter überfordern. Aber nein, die Ecke im Supermarkt mit Spaghetti und Zubehör war völlig überfüllt. Spaghetti – alles von Del Monte – ist in der Tat DAS Heiligabendessen hier auf den Philippinen. Also war es für mich ein Leichtes die angereiste Familienbaggage (meiner Freundin) unter den blinkenden Xmas-Lichterketten Made in China glücklich zu machen. Als ich dann noch eimerchenweise Eiscreme aufgefahren habe, da hat mich auch die letzte der schätzungsweise acht Nichten meiner Freundin angefangen, heissinnig zu lieben. Alle waren sich einig: der neue Ausländer in der Familie kann reichlich und lecker kochen! hehe….

So einfach kann man Menschen glücklich machen… womit ich gleich bei "einfach" und "glücklich" gelandet bin. Auch wenn ich jetzt voll in die Klischees reinhaue: Das Verhältnis zwischen arm und glücklich ist hier unglaublich klein. Oder mit anderen Worten: Die caroll singers die seit dem 16. Dezember in Batallionstärke auch vor unserem Haus allabendlich philippinische Weihnachtslieder sangen, bekamen regelrecht glänzende Augen, als wir ihnen säckchenweise Reis als Geschenk überreichten.

Der stundenlange Regenguss hat gerade aufgehört, also können wir endlich in die Stadt aufbrechen. Schliesslich steht Sylvester vor der Tür und somit die nächste Feier bei uns. Das Essenkochen – Lechon (Spanferkel) und Bihon (ein Nudelgericht), andere Nationalgerichte der Filipinos – steht uns wieder bevor. Und die bestellte Karaokeanlage muss auch abgeholt werden. Womit wir eine philippinische Grossfamilie in Tacloban, Leyte vollends glücklich machen werden.

Doch Ringelnatz‘ Worte:

Daß bald das neue Jahr beginnt,
Spür ich nicht im Geringsten.

… kann ich allerdings nicht bestätigen. Dass bald das neue Jahr beginnt, spüre ich ganz deutlich. Zumindest so deutlich, wie dass hier vor wenigen Tagen der Geburtstag Jesus‘ gefeiert wurde und nicht eine Konsumorgie. Die meisten Geldbeutel waren zwar leer, die Kirchen dafür knallvoll, und zwar jeden Abend. Und so bekam ich trotz der über 30°C im Schatten ganz schön viel Weihnachtsgefühl.

Da dieser Bericht mit China-Terminal betitelt ist, und ich inzwischen aus China weg bin und auf den Philippinen lebe, schliesse ich dieses Blog, aber nicht ohne ein paar Bilder von meinem neuen Wohnort:

Am ersten Weihnachtstag, fünf Minuten von unserem Haus entfernt…

 

… hier auch.

Maligayan Pasko… ! Da kann man nur: …at ang happy new year 2009!!! zurückrufen. Ein Pedicab-Fahrer vor unserem Haus wünscht Frohe Weihnachten.

Einige der jüngeren Familienmitglieder, die ich für diese eine Sekunde einfangen konnte.

Diese jungen Damen wünschen uns allen ein glückliches 2009… dem schliesse ich mich an.