Ein Gourmet vor dem Herrn

13 10 2008
 
Nach all den Wirrnissen und Gefahren in der Gegenwart – Finanzkrise, schwindende Demokratie in Deutschland,  Melamin in der Milch und schlechte Augen etwa – haben wir es verdient, uns zeitilich wie räumlich aber auch thematisch von den Problemen dieser Welt zu entfernen und uns was angenehmes zu gönnen.
 
 
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Am Tigerbach-Berg im Städtchen Yuanling in der südchinesischen Provinz Hunan wurde 1999 bei Bauarbeiten für ein Hotel ein Grab aus dem Jahr 162 v. Chr. (also Han-Dynastie) entdeckt. Dank eines dem Toten beigegebenen Siegels konnte der Grabinhaber als Wu Yang identifiziert werden. Der Markgaf Wu hatte aufgrund von Verwandtschaft mit dem Kaiserhaus ein Pfründgebiet erhalten, von dessen Steueraufkommen (einige hundert Familien) er gut leben konnte.

In seinem aus Bohlen gefügten Sarkophag und in den Seitenkammern fanden sich über 140 große Tongefäße, dazu eine vergleichbare Zahl von Gefäßen, die in Lacktechnik ausgeführt waren. Sie dienten dazu, Speisen und Getränke für die Jenseitsreise aufzunehmen. Dazu passt, dass sich im Grab auch zwei große Tische befanden, ebenfalls in Lacktechnik ausgeführt. Besonders auffällig in diesem Grab waren die 101 sogenannten Ohrenschalen. Diese Schälchen dienten dem Genuß von alkoholischen Getränken, und die 56 im Grab gefundenen Figürchen von Dienerinnen und Dienern sollten daran erinnern, daß Wu Yang es sich bei seinen Gelagen gut gehen ließ.

 
Zur Grabausstattung gehörte auch eine kleine Grabbibliothek. Sie war, nach dem Brauch der Zeit, auf Bambusstreifen niedergeschrieben und umfasste 1.336 solcher Streifen. Noch ist diese Grabbibliothek nicht wissenschaftlich bearbeitet, doch schon jetzt ist klar, daß ein Text mit dem Titel "Rezepte für schönes Essen", ein knappes Viertel dieser Grabbibliothek ausmachte. Leider hat dieser Teil der Grabbibliothek die beinahe 2.200 Jahre im Grab nicht unbeschädigt überstanden, doch er scheint richtige, nachkochbare Rezepte zu bieten. Die verwendeten Fleischarten reichen vom Pferd bis zur Gans, einschliesslich der Innereien, zum Beispiel Hirschmägen. Eine Reihe von Gemüsen erwähnt diese Schrift, mehrere Arten von Alkoholica kommen hinzu, auch Gewürze fehlen nicht – und sogar die Sojasoße kommt vor. Dieser Text ist das älteste überlieferte chinesische Kochbuch. 

Die Grabausstattungen stehen in enger Beziehung zu der Lebenswirklichkeit des Toten. Sie sollen diese vor dem Jenseits dokumentieren, damit dem Toten dort eine vergleichbare Position zugewiesen werde. Besonders genau scheinen die Grabtexte zu der Persönlichkeit des Toten zu passen. Und die Grabausstattung des Wu Yang läßt nicht viel Raum für Deutungen: Er war ganz einfach ein früher Gourmet, möglicherweise ein Gourmand, ein Genussmensch und das wollte er auch im Jenseits bleiben.

 
 
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