EWG jetzt mit China

7 10 2008
 

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Die Kandidaten in der legendären Kulenkampff-Show Einer Wird Gewinnen (EWG) kamen aus acht verschiedenen europäischen Ländern, die nicht Mitglied der EWG sein mussten (die Schweiz war z. B. fast immer vertreten). Gelegentlich traten auch außereuropäische Kandidaten auf, sogar ein US-Amerikaner, aber nie ein Chinese. Wie die Quizsendungen in den letzten Jahren immer mehr dem Reality-TV gewichen sind, so hat auch die Kuli-EWG inzwischen einen Ableger in der Wirklichkeit, und zwar mit chinesischer Beteiligung.
 
In der Financial Times Deutschland fand ich einen Beitrag, der sich an meinen letzten anschliesst und sich mit der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise beschäftigt. Er analysiert die Rolle Chinas dabei – etwas was ich bisher in den Medien vermisst und wonach ich vergeblich gesucht habe. Die meisten nämlich, die da sonst im Nebel stochern, beschäftigen sich ausschliesslich mit den USA und Europa, was dem gesamten Komplex nicht gerecht wird. Die Auswirkungen auf die USA können im grossen ganzen auf Europa, also auch auf Deutschland, übertragen werden.
 
Das monetäre Ungleichgewicht zwischen den USA und China ist der Schlüssel zum Verständnis dafür, wie sich die Finanzkrise auf die Realwirtschaft auswirkt. (…) ist bei der Frage, was uns in den Weltfinanzmärkten noch bevorsteht, nur ein Aspekt wichtig: Was sind die wahren Auslöser dieser Krise und wann wird die Gefahr dieser Auslöser gebannt sein?

Die Überbewertung der US-Immobilienmärkte ist ein Symptom und keine Ursache der aktuellen Krise. Worum es wirklich geht, ist die Schieflage der Weltfinanzmärkte, die wir seit genau einem Jahrzehnt beobachten, vor allem die monetären Ungleichgewichte zwischen den USA und China: Erst wenn diese Ungleichgewichte verschwunden sind, wird die Krise vorbeigehen. Leider sind wir von einer Lösung dieses Problems noch sehr weit entfernt.

Die Geschichte der Ungleichgewichte beginnt nach der Asienkrise 1997/98. Aus den bis dahin kapitalimportierenden Tigerstaaten wurden plötzlich Kapitalexporteure. Asiatische Länder überschütteten die US-Wirtschaft mit niedrig verzinstem Kapital. Diese Strategie ging einher mit einer Unterbewertung asiatischer Währungen und einer Anhäufung von Dollarreserven in den Schatzkammern asiatischer Zentralbanken.

(…) US-Haushalte und Firmen konnten fast grenzenlos Kredite aufnehmen. Heute sind allein die US-Haushalte mit 100% des BIPs verschuldet. Das Gesamtschuldenvolumen des Landes beträgt 235% des BIPs. Dieses schnelle Geld sorgte dafür, dass der Konsum als Anteil am BIP bislang ungeahnte Werte erreichte: Er beträgt heute fast 75 Prozent – im internationalen Durchschnitt sind Werte zwischen 55 und 65 Prozent üblich. Ein Drittel des US-Konsums fließt in Immobilien. So wundert es kaum, dass US-Immobilienpreise plötzlich in die Höhe schnellten und sich zwischen 1998 und 2006 verdreifachten.

(…) Die wirkliche Trendwende könnte aber noch bevorstehen. Denn die Schlüsselfrage zur Zukunft der Weltwirtschaft  ist die Frage, ob und wie China seine aktuelle Wirtschaftsstrategie verändern wird. Das Gesamtvolumen der Dollarreserven in China beträgt 1,85 Billionen US-Dollar – das sind fast zwei Drittel des BIP Deutschlands.  Und diese Reserven steigen nicht linear, sondern exponentiell: Seit 2001 hat sich der Schatz in jeweils 2 Jahren verdoppelt. Im ersten Halbjahr 2008 kaufte China jede Minute Dollar-denominierte Schulden in Höhe von 1,83 Millionen US-Dollar auf – Tag und Nacht. Sollte die Unterbewertungsstrategie in diesem Tempo weitergehen, dann hätten die Dollarreserven Chinas im Jahr 2011 den Wert von 6,4 Trillionen US-Dollar erreicht – also ca. 10% der Welt-Bruttosozialprodukts oder knapp die Hälfte des US-BIPs. Das erscheint aus heutiger Perspektive undenkbar.

Was aber wird passieren, wenn China die ökonomische Trendwende beginnt? Allein durch den Stopp des Ankaufs von US-Schuldinstrumenten (Staatsanleihen – meine Anm.) würden langfristige US-Zinsen deutlich steigen. Die Konsequenz wäre ein zusätzlicher Rückgang des US-Konsums und auch der US-Immobilienpreise (…). Gleichzeitig würde der Dollar an Wert verlieren und die so billigen chinesischen Produkte im US-Markt deutlich teurer, mit negativen Folgen für die US-Inflation. Die Auswirkungen für die Realwirtschaft wären verheerend.

Die große Frage ist, ob China die Risiken für die eigene Konjunktur aus dem Verkauf von US-Anleihen tatsächlich in Kauf nehmen würde. Bei einem steigenden Yuan und einem fallenden Dollarkurs würde der Schatz aus US-Schatzbriefen deutlich an Wert verlieren. Auch die heute im Rest der Welt so billigen Exporte Chinas würden plötzlich deutlich teurer werden. Andererseits muss China gerade im Kontext der beginnenden US-Rezession seine Wirtschaftspolitik ohnehin überdenken, denn der jetzige Ansatz des auf Export gestützten Wachstums ist nicht mehr nachhaltig.

China fehlt der Binnenkonsum: Der Anteil des Konsums am chinesischen BIP ist mit einem Drittel sehr gering, und Chinas Sparquote liegt mit rund 40% des BIP auf einem phänomenal hohen Wert. Ein steigender Wechselkurs bei einem gleichzeitigen Rückgang der Nachfrage aus den USA könnte ein probates Mittel sein, um die große wirtschaftspolitische Wende in China einzuleiten den Binnenkonsums zu fördern. Sollte der Yuan an Wert gewinnen, würden die zahlreich in China vertretenen Unternehmen aus den USA und Europa einen Teil ihrer chinesischen Produktion auf den Binnenmarkt umleiten, um auf den Rückgang der Exportnachfrage zu reagieren. Das in China mittlerweile im Überfluss vorhandene Privatkapital würde nicht mehr nur in den Ausbau des Exportsektors fließen, sondern könnte für Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen und Binnenkonsum genutzt werden.

Die anstehende Trendwende Chinas ist für die Wirtschaft der USA eine mindestens ebenso große Bedrohung wie die Immobilienkrise. Denn die Kombination aus dem Wegfall billigen chinesischen Geldes  und dem Rückgang billiger chinesischer Importe, der die US-Inflation weiter in die Höhe treiben würde, könnte die aktuelle US-Konjunkturkrise in eine fundamentale Wirtschaftskrise ausweiten. Erst wenn die weiterhin bestehenden Ungleichgewichte in den Weltfinanzmärkten wieder ausbalanciert sind, wird die Krise vorüber sein.

30. September 2008

Henrik Enderlein lehrt an der Hertie School of Governance in Berlin. Der Originalbeitrag ist  hier  nachzulesen.

Ich schliesse mich der Meinung des Autors an. Was er allerdings übersieht ist die Tatsache, dass Chinas Regierung in weiser Vorassicht, weit weg von den turboberauschten Zockern an der Wall Street, schon vor Jahren still und leise mit der Abkehr von der Exportorientierung der eigenen Wirtschaft und mit einer Stärkung der Binnennachfrage begann. Darauf bin ich in meinem vorherigen Beitrag etwas näher eingegangen.

Die älteren unter uns werden sich noch erinnern: Jede EWG-Sendung endete mit dem Butler, der Kulenkampff Mantel, Schal und Hut reichte und dabei die soeben gelaufene Sendung sarkastisch kommentierte. Der Butler wurde von Martin Jente, dem Produzenten der Sendung, gespielt. In der Reality-EWG hat sich der Butler inzwischen zum Sieger hochgekämpft, der dem Showmaster nicht nur Textilien reicht, sondern auch noch Kinderspielzeug, Computer und vieles mehr, und das gleich schiffsweise, nach Hause schickt. Auf die sarkastische Pointe verzichtet er allerdings gänzlich, dafür lächelt er.

 

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3 responses

7 10 2008
Juergen

Ich kann dir nur zustimmen, denn in den Medien wird fast immer auf die Rolle Chinas und die tendenzielle Abhängigkeit anderer Wirtschaften von China "verzichtet". Sieh nur mal in einige der boykottierten Staaten Asiens und Afrikas – die Industrienationen boykottieren und … China investiert in deren Infrastrukturen. Na gut, sie machen es ja nicht zum Selbstzweck, kommen damit eben einfach an die dringend benötigten Rohstoffe. Und ein ziemlich wesentlicher "Neben"effekt – China kann dort massiv Einfluß gewinnen, wo die bisherigen Investoren durch den Boykott verschwinden. Für mich ist es sehr interessant diese Entwicklung zu beobachten. Man muss sich nur Abnabeln vom rein offiziellen Medienbrei und etwas genauer und intensiver in die Materie eindringen. Dann sieht man doch ziemlich interessante und auch erschreckende Dinge.Unabhängig von den traurigen Trends an den Weltbörsen wünsche ich dir eine schöne Woche und… schönes Wetter hast du sicherlich sowieso schon … freue mich auf deine nächsten Beiträge.Viele Grüße vom BodenseeJürgen

7 10 2008
克千

das mit Chinas Investements habe ich neulich auf den Südphilippinen, in der Provinz Samar, hautnah und konkret erlebt. Wir haben in Guiuan – siehe die Google-Karte im Beitrag vom 30. September – in so einer kleinen Pension gewohnt. Und da wohnten auch ständig Chinesen. Aber über ihren Reisezweck mochten sie nicht so gerne reden. Wie ich dann später rausfand,die fangen dort, am Ende der Welt, gerade an Kohle- und Edelmetallvorkommen zu erschliessen. Ein Flughafen im Norden ist fertig, der andere wird Ende des Jahres in Betrieb geheh; beide für internationale Flüge konzipiert. Es sollen tausende von Arbeitsplätzen entstehen. Um die Kohle zum Hafen zu transportieren, werden sie dort auch Eisenbahnlinien bauen, und auch Häfen, die es da nicht gibt. Und das passiert dort alles still und leise. Ich werde diese Entwickllung dort beobachten, schon aus Eigeninteresse: Ich will nämlich irgendwann mal dorthin ziehen.

30 11 2008
Minahasa

Dann krich ich ja mal 1 intelligenten Nachbarn.

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