9,467

3 10 2008
 
Als ich heute morgen meinen Rechner hochfuhr, sprang mir vom Bildschirm die Zahl 9,467 ins Auge, und zwar von dort wo die aktuellen Währungskurse stehen. Würde ich heute meine Euro gegen den Yuan tauschen, bekäme ich für einen Euro 9,467 Yuan. Bemerkenswert ist an Zahl ist, dass es sich um den niedrigsten Euro-Kurs seit Herbst 2005 handelt. Ähnlich schwach war der Euro auch noch Ende 2003.
 
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Im Umkehrschluss bedeutet das, dass der Yuan gegenüber Euro immer stärker geworden ist, den vorläufigen Höhepunkt erleide ich gerade. Angaben des China Foreign Exchange Trading System zeigen, dass der Renminbi zwischen Ende Juli und dem vergangenen Montag um 10,79 Prozent gegen den Euro zugelegt hat. Und das nachdem er schon zwischen Januar und Juli um 7,75 Prozent gegen den Euro gewonnen hatte. Aber das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Analysten prophezeien einen weiteren Höheflug. Der Yuan werde – vor allem aufgrund der schwachen Konjunktur in der Eurozone – seinen dramatischen Wertzuwachs auch im vierten Quartal fortsetzen.

Chinas Zentralbank setzte seit 1995 mit eiserner Hand einen stabilen Kurs des Yuan zum Dollar durch, ganz gleich, wie die US-Währung im Rest der Welt gehandelt wurde. Die strikte Kontrolle des Kapitalverkehrs schützte das Land zunächst gegen die Asienkrise 1997 und dann gegen die Niedrigzinspolitik der Fed 2001. Als die Fed die US-Währung per Billigzins auf Abwärtskurs setzte, begann die Zentralbank in Peking alle hereinströmenden Dollars zum Festkurs gegen Yuan zu tauschen und vorwiegend in US-Staatsanleihen anzulegen. Dieses Spiel lief zum beidseitigem Vorteil: Der amerikanische Konsument hatte überhaupt Bargeld im Geldbeutel (dessen Gegenwert er allerdings nur zum Teil selbst erwirtschaftete) und China hielt einen riesigen Absatzmarkt für seine Waren am Laufen. Oder mit anderen Worten: Die Chinesen lieferten ihre Waren in die USA, und dafür kriegten sie von den Amerikaner Papier mit den Bildern ihrer toten Präsidenten drauf. Entsprechend wuchsen Chinas Handelsüberschuss mit den USA und die Dollar-Reserven. Mit jetzt schon 1.800 Milliarden Dollar hält China mittlerweile den größten Devisenschatz aller Zeiten.

Am 21. Juli 2005, hat China die Reform des Wechselkurssystems für die Landeswährung Renminbi (RMB) begonnen. Der Wechselkurs sollte sich nicht mehr nur am US-Dollar orientieren, sondern künftig auch Angebot und Nachfrage sowie andere Währungen, vor Euro und Yen, berücksichtigen. Seitdem hat der Yuan gegenüber US-Dollar 20 Prozent gewonnen. Am meisten profitiert davon der Chinese der ins Ausland reist und zugleich Importwaren kauft. Beispielsweise sind die Preise für Importautos nur im Mai 2008 im Vergleich zum Vormonat um fast 2 Prozent gefallen. Der Markt für ausländische Lebensmittel ist seit 2003 jährlich um 15 Prozent gewachsen.

Des einen Freud, des anderen Leid. Die chinesischen Exporteure nämlich leiden sehr unter dem starken Yuan, was uns im Westen wiederum erfreuen dürfte. Chinas Exportüberschuss im Mai 2008 betrug „nur“ 20,2 Milliarden US-Dollar, zehn Prozent Rückgang im Vergleich zum Mai des Vorjahres. Allerdings sind im exportorientierten produzierenden Sektor rund 40 Millionen Chinesen beschäftigt, die nun um ihre Arbeitsplätze zittern… Ha! So kompliziert ist Wirtschaft.

Der Aufwertung des Yuan liegt die Erkenntnis der Staatsführung zugrunde, dass die blosse Exportorientierung der chinesischen Wirtschaft keine Garantie für langfristiges Wachstum darstellt. Auch wenn China aus der Diskrepanz zwischen den niedrigen Produktionskosten daheim und den hohen Gewinnen im Westen über viele Jahre astronomische Profite schlug und dies einen relativen Wohlstand nach China brachte, erkannte Chinas Führung inzwischen, dass diese Entwicklung mit katastrophaler Umweltzerstörung und einem hohen Energiekonsum einherging. Zu viel arbeitsintensive Produktion mit niedriger Effizienz – das konnte auf Dauer keine nachhaltige Entwicklung mit sich bringen. Zumal vor allem die Küstenregionen davon profitierten und das Wohlstandsgefälle zu anderen Teilen des Landes sich rapide vergrösserte. Hinzu kam, dass China sich von der Abhängigkeit von den Auslandsmärkten lösen wollte.

Und so entschied Chinas Führung, grundlegenden Stukturwandel vorzunehmen. Eine Massnahme von vielen ist die Aufwertung des Yuan. Inzwischen hat beispielsweise von den rund 5.000 Schuhfabriken im Perlflussdelta, wo ich lebe, rund die Hälfte geschlossen. Auch in anderen Regionen, die vormals von der Produktion einfacher Waren wie Textilien und Spielzeug lebten, werden mehr und mehr höherentwickelte Produkte – Hightech, Elektronik und Maschinen – hergestellt. "Von der Yuan-Aufwertung dürfte auch die deutsche Wirtschaft profitieren." – hoffte freudig erregt der damalige Bundesfinanzminister Hans Eichel. Ich weiß nicht… Von den Fabriken hier im Perlflussdelta sind viele in andere, noch billigere Billiglohnländer wie Vietnam abgewandert. Keine ging nach Deutschland.

Wo wird der Yuan enden? Ha, wenn ich das nur wüsste! Der Zentralbank-Chef Zhou Xiaochuan sagt, China werde die Flexibilität des Yuan schrittweise erhöhen. Allerdings hänge die wirtschaftliche Entwicklung von sovielen instabilen Faktoren ab, dass niemand eine stichhaltige Voraussage treffen kann. Ach so. Also das alles, und wohl viel mehr, steckt hinter der schlichten Zahl 9,467 von heute morgen, und hinter der dünnen Linie, die sich da so durchs Diagramm schlängelt.

Ich danke für eure Aufmerksamkeit. Hehe.

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3 responses

3 10 2008
Jörg

Ich wünsche den Chinesen, dass sie neben dem Wachstum der Wirtschaft auch ein Erstarken des Bewusstseins für die Langzeit- und Breitenwirkung ihres Handelns erleben. Die Umweltbelastung (und menschliche Armut) durch maßloses Produzieren hat Europa vor den Asiaten erlitten. Auch die DDR-Regierung war Meister darin, die Augen vor den Wirkungen ihrer Politik zu verschließen. Vielleicht kann China daraus lernen – und die Zerstörung seines Lebensraumes abbrechen, bevor es zu spät ist. 🙂

4 10 2008
Chawa

Hallo Chris,war wirklich mal klasse die Wirtschaftsneuigkeiten vom Insider zu lesen.Wo wird der Yuan enden.Das habe ich vorgestern auch mit einem Freund diskutiert, der z.Z. an der Uni HK lehrt.Auf lange Sicht meint er, ist das Vorgehen falsch. Denn es scheint immer mehr Arme zu geben.Aber an sich, wird das Thema Arbeitslosigkeit wohl unter den Tisch gekehrt.LGUnd ein schönes Wochenende.Chawa

11 10 2008
Jun

The world change so fast. 10th Oct, 1 Eur = 9.08854807Rmb.
1 week, 5%.

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