Welch ein Tag!

22 07 2008
 
Es gibt so Tage im Leben, da braucht man muss man nur den Mund aufsperren und die gebratenen Pekingenten fliegen einem da nur so hinein… Gestern zum Beispiel.

Vor nunmehr zweieinhalb Wochen habe ich von meinem deutschen Konto Geld auf mein chinesiches transferiert. Normalerweise dauert es so sieben bis neun Tage bis das Geld hier angekommen ist. Also gehe ich nach gut einer Woche zu meiner Filiale in Tangjia. Auf meine Frage hin ob mein Geld schon angekommen ist, wird mir ein Ja! entgegengeschmettert, aber… aber auf dem Begleitschein fehlt mein… zweiter Vorname (den ich nie benutze), der nun aber in meinem Reisepass steht, und diesen brauche ich, wenn ich die Euronen bar auf die Kralle kriegen will. Der Filialleiter entschuldigt sich hundertmal für die Unannehmlichkeit. Ich möchte bei meiner Bank in Hamburg anrufen und um einen neuen Begleitschein bitten. Ich wollte noch kurz fragen, wieso hat es die etlichen Male zuvor auch ohne den zweiten Vornamen geklappt, aber nach einem Jahr China verkneife ich mir diese Frage: Eine Antwort auf diese Frage kriege ich eh nicht.  

Kein Problem! Ist ja nicht schlimm! Eine Email nach Deutschland: einen Tag später folgt eine Zusage, dass ich innerhalb der nächsten 24 Stunden mein Geld in Empfang nehmen kann. Na ja, ich kenne solche Zusagen. Also warte ich noch lieber einen Tag länger und gehe erst am letzten Donnerstag hin. Kaum in der Tür, der Filialleiter trollt sich mir schon entgegen: Geld da! Zweiter Vorname auch da! Aber… heute leider keine Euroscheine in dieser Filiale vorrätig. Bitte morgen, also am Freitag wieder kommen. Tief durchatmen. Ok, Freitag, gleicher Ort, gleiche Szene. Der Filialleiter kommt mir entgegen als er mich in der Tür sieht: Es tut mir leid, aber die Zentrale hat heute keine Euroscheine geliefert… Deja vu, shit happens, ok… Ich überschlage kurz meine Situation: Für Mineralwasser und Toastbrot am Wochenende reicht es allemal. Trotzdem male ich mir aus, wie ich ab Donnerstag auf Manilas Strassen meinen Hut hinlege und Passanten anhaue mit: Hast ’nen Peso für mich?

Wie ein Staubsaugenvertreter mit 50jähriger Berufserfahrung stehe ich am Montag nachmittag, also gestern, wieder locker lächelnd in meiner Filiale auf der Matte. Ich lächle, auch wenn ich mich schon auf dem Smokey Montain sehe, der berüchtigten gigantischen Müllhalde unweit der philippinischen Hauptstadt, wie ich da mit all den Ärmsten unter den Armen nach Verwertbarem wühle… Ich suche verzweifelt nach Rettung. Vor meinem inneren Auge laufen Sequenzen aus Reportagen im Auslandsjournal, wo im Rahmen von Brot für die Welt den Slumbewohnern von Manila Nähmaschinen geschenkt werden, damit sie nicht mehr im Müll wühlen müssen, sondern Küchenschürzen nähen, die dann in der Vorweihnachtszeit auf Wohltätigkeitsveranstaltungen in deutschen Kirchen verkauft werden. Also noch ist nicht alles verloren!

Plötzlich taucht das inzwischen vertraute Gesicht des Filialleiters vor mir wieder auf. Diesmal strahlt mich mein Freund an, und es ist nicht die kleinste Wolke in seinem sonnigen Gesicht zu sehen. Kaum zu glauben, aber ich kriege meine Euroscheine diesmal problemlos ausgehändigt. Schon fast enttäuscht ob soviel Gewöhnlichkeit sage ich kurz mei shi! (keine Ursache) zu all den netten Bankangestelltinnen und ziehe von dannen.

Da ich schon mal heute auf dem Festland bin, sehe ich mich um nach einem neuen Akku für mein Handy. Mein Handy war mir nämlich vor zwei Wochen in die Suppe gefallen, und ich konnte nur noch seinen Todeskampf miterleben. Aber vielleicht kann ich mein Handy nach zwei Wochen wiederauferstehen lassen… Wer weis, Wunder gibt es immer wieder. Die ersten vier Handyshops haben keine Siemensakkus. Im fünften greift das Mädchen hinterm Tresen locker hinter sich, und ohne hinzugucken, fischt sie aus der Masse an kleinen Pappschachteln eine mit Siemens C55 drauf heraus. Hurra!

Mein fünf (oder sind es sechs?) Jahre altes C55 erweckt sofort die Neugierde aller Angestellten in diesem Handyshop. Inmitten all der Ipods, PDAs, Organizer und Smartphones wirkt mein mobiles Telephönchen wie der Trabi bei einem Formel 1 Rennen. Aber nichts für ungut. Das neue Akku bewirkt auch kein Wunder. Mein C55 antwortet nicht. Also muss ein Schnellladegerät her. Und als nach zwei Minuten der zweite Versuch mit dem gleichen Ergebnis endet, nimmt der nette Herr dort mein Handy kurzerhand auseinander. Aus dem Hinterzimmer holt er ein Benzinkanister, giesst ein wenig vom Inhalt in eine Schale und wirf die Platine gleich hinterher.

Bevor ich fragen kann, ob ich mir diese Behandlung angesichts der aktuellen Benzinpreise überhaupt leisten kann, bittet er mich in 20 Minuten wiederzukommen. Als ich nach einer kleinen Zwischenmahlzeit im nahen Restaurant im Laden wiederauftauche, hält er mir mein Handy entgegen. Sein Gesicht und das Handydisplay haben in dem Moment eine Gemeinsamkeit: beide leuchten. Nachdem ich ihm die geforderten drei Euro bezahle, leuchtet sein Gesicht immer noch, das Display ist inzwischen erloschen.

Die Climax des Tages sollte erst noch kommen. Mental gestärkt durch die Erfolge auf meinem privaten Transfermarkt, wieder verbunden mit dem globalen Strom der positiven Energie durch mein wiedergeborenes Handy und insgesamt innerlich gewärmt durch die freundlichen Menschen unterwegs, habe ich mich nach wochen-, ja monatelangem Herumschleichen stark genug gefühlt für die schwerste Aufgabe überhaupt. Kurzum: Ich habe gestern auch noch meine Steuererklärung gemacht.

Und für die Anti-Climax sorgte Monique. Weil es noch nicht genug des Guten an diesem Tag war, kriege ich am Abend eine supernette Email von dieser meinen Bankangestellten in Deutschland: Die Gebühr von 25 €, die mir für den Schein mit dem zweiten Vornamen in Rechnung gestellt wurde, wird mir erlassen, weil ich darüber im Vorweg nicht informiert wurde und ausserdem die Tatsache, dass mein zweiter Vorname bei meinen persönlichen Daten nicht erfasst wurde, geht auf die Kappe der Bank. Monique, so heisst die Blume inmitten der Servicewüste Deutschland!

Welch ein Tag!

 

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22 07 2008
Juergen

Super Bericht! Hat mir sehr gefallen.So weiß man doch gleich, wie gut es dir geht ;-))Aber ich kann dich beruhigen, Deutschland bleibt dir als eigentliche Servicewüste noch lange erhalten. Ich schätze, deine Bank hat lediglich einen Azubi an die Front geschickt, der noch nicht weiß, wie es zu laufen hat…grins!3€ für eine Handyreparatur…Wow! Und es funktioniert dann sogar. Erinnert mich an eine Reparatur einer Kamera – erst einmal pauschal 250€ ohne überhaupt zu garantieren, dass man den Schaden beheben könne. Es war nur ein Staubfädchen im Linsensystem…und da lebt es immer noch, das Fädchen.Viel Spaß für die WocheJürgen

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