Tropische Schwermut

19 07 2008
 
Der herausragende polnische… na was war er denn? Reisejournalist? Philosoph? Publizist? Historiker… egal! Also der im Februar 2007 verstorbene Ryszard Kapuściński schreibt in seinem 1978 erschienenem Buch "Wojna futbolowa" (Der Fussballkrieg"):
"Viel schlimmere Verwüstungen als Amöben, Malaria, Fieber und Infektionen verursacht in unserem Inneren die Krankheit der Einsamkeit, die tropische Schwermut. Nur gigantische Widerstandskraft und ein eiserner Wille bieten vor ihr Schutz. Aber auch dann ist es keine leichte Sache. (…) Der Weisse fühlt sich in den Tropen geschwächt, ja schwach. Daher seine gesteigerte Bereitschaft zu aggressiven Gefühlsausbrüchen. Menschen, die in Europa höflich, bescheiden, gar demütig auftreten, dieselben Menschen werden hier zu Furien, suchen Streit und versuchen andere fertig zu machen. Dieselben Menschen fangen plötzlich an, grössenwahnsinnig zu werden, werden leicht verletzt wenn an ihrem Status gekratzt wird, und erzählen jedem, welchen Einfluss und Stellung sie denn in ihrer Heimat hatten. Aufgrund der eingebildeten Macht schwören sie nun Rache an ihren Feinden (meist handelt es sich um Kollegen am Nachbarsschreibtisch). Wenn ich nun aber ihnen einen Vogel zeigte (wozu ich oft Lust habe), würden sich sich tödlich verletzt fühlen. Diese Menschen machen sich zu Lachnummern, ohne es zu merken.
Aber wenn es anders wäre, und gäbe es solche Menschen nicht – dann würde es keine Literatur geben. Schriftsteller hätten keine Vorlagen für ihre Figuren. Das alles – Schwächen und Aggressionen, Abneigungen und Wahnvorstellungen – sind Produkte der tropischen Schwermut. Deren typischer Ausdruck sind auch emotionale Sprünge. Da sitzen zwei gute Freunde seit Stunden einträchtig nebeneinander am Bartresen und trinken Bier. Durchs Fenster sehen sie die Meeresbrandung des Atlantiks, Palmen, Mädchen am Strand. Aber das alles dringt bei ihnen nicht durch. Sie leiden unter der Schwermut, ihre Augen sich matt, ihre Seelen verletzt und ihre Körper ausgemergelt. Die beiden schweigen den ganzen Abend, nehmen einander nicht wahr. Plötzlich greift der eine zum Bierkrug und zertrümmert diesen am Kopf des anderen. Geschrei, Blut fliesst, der bewusstlose Körper knallt auf den Barboden.
 
Was ist passiert? Eigentlich garnichts, oder genauer: Die Schwermut quält uns, und wir wollen uns von ihr befreien. Die dazu notwendige Kraft ist allerdings kein Produkt des Augenblicks. Wir brauchen dazu Zeit. Zeit, damit diese Kraft akkumulieren kann zu einer Energie, die ausreicht, um die Schwermut zu überwinden. Beim Bier warten wir auf diesen gesegneten Augenblick. An diesem Punkt geschieht eine pathologische Verschiebung, verursacht durch die Tropen. Und zwar, kurz bevor wir diesem gesegneten Augenblick nah kommen, in dem wir unsere Schwermut mit Würde und Gleichmut eigentlich überwinden könnten, entwickeln wir Überschuss an Kraft, dessen Herkunft unbekannt ist; Überschuss, der uns fast zum Platzen bringt und der zum Kopf steigt. Damit wir diesen Energieüberschuss lindern können, müssen wir unseren Bierkrug am Kopf des unschuldigen Freundes zerdeppern.
 
Das alles kommt von der Schwermut. Ein Phänomen bekannt allen Tropenreisenden. Sollten wir Zeugen eines solchen Ausbruchs sein, mischen wir uns am besten nicht ein, weil es keinen Grund mehr dafür gibt. Denn mit diesem einen Schlag hat sich der Mensch von seinem Energieüberschuss befreit und nun ist er wieder normal, bei Bewusstsein und befreit von der Schwermut."
 
Polnische Originalausgabe von 1978, Seite 152 ff, eigene Übersetzung.
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