Nordchina – Reise in ein anderes Land

1 10 2007

Mit den Weltgegenden verhält es wie mit den Menschen: es gibt schöne und es gibt weniger schöne. Wenn beides zusammenkommt, sprich: schöne Menschen an schönen Orten, dann heisst das Tuvalu, Portofino oder Bora Bora. Und wenn die Menschen noch dazu Schlitzaugen haben, dann heisst das eben Zhuhai.

Aber der Reihe nach. An den fehlenden Einträgen in den letzten Tagen konntet ihr merken, dass ich ein paar Tage weg war. Bin nach Nordchina geflogen. Am morgen zwei Stunden mit dem Bus von Zhuhai zum Flughafen von Guangzhou. Die supermodernen und gigantischen Abflughallen, einfach umwerfend – im Vergleich dazu wirkt der Flughafen Hamburg Fuhlsbüttel wie ein kleiner Anbau. Dieser Flughafen hier ist am ehesten vergleichbar mit Ffm, aber eben viel moderner.

Aber Komfort hat eben seinen Preis. Diese Binsenweisheit bestätigte sich aufs Neue, als ich meine beiden Süchte: Kaffee und Internet befriedigen wollte. Weil ich diese beiden Fliegen mit einem Laptop schlagen wollte, habe ich mich in ein Cafè mit WLAN (so an die 15 Drahtlos-Netzwerke, fast alle ungesichert) gesetzt. Bestellt habe ich eine Tasse Mocca. Dieser wurde auch schnell serviert, aber bevor ich ihn austrinken konnte, war mein Notebook-Akku alle. 5,60 Euro bezahlt – ohne im Internet gewesen zu sein. Bitter, wie der Mocca eben.

Zunächst Bekannte in Tianjin besucht. Leider erst am Mittag nach dem Halbfinalspiel der deutschen Fussballdamen gelandet. Sonst wäre ich sicher ins Stadion gegangen.

Zwei Tage später in Beijing gewesen. Auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Tibet-Bahnhof haben wir eine kleine Stadtrundfahrt unternommen und sind mit dem Taxi am Tiananmen-Platz vorbeigefahren. Vor dem anstehenden Nationalfeiertag am 1. Oktober war alles sehr festlich geschmückt und illuminiert. Ein Hauch von Weihnachtsstimmung in einer beliebigen deutschen Grossstadt umwehte den größten Platz der Welt. Es fehlten nur noch die Glühweinstände und der Weihnachtsmarkt, und natürlich die Kälte eines Dezemberabends in Deutschland. Bei dieser gigantischen Illumination wäre Chevy Chains in „Es weihnachtet sehr!“ vor Neid ganz bestimmt neongelb geworden.

Beim Essen in Beijing ist mir die mögliche Erklärung dafür in den Sinn gekommen, warum die Chinesen so viel essen können ohne zuzunehmen: Sie stehen sofort nach dem Essen auf und gehen, das bedeutet, den Großteil der Kalorien verbrennen sie sofort. Übrigens hat mich nach dem Essen in Beijing – Pekingente, was sonst! – Montezumas Rache erwischt. Einmal in einem etwas gehobenen Restaurant gegessen und schon hab ich den Salat… bzw. den habe ich nicht allzu lange gehabt… aber lassen wir das!

Nach dem Essen weiter zum Tibet-Bahnhof in Beijing zu Fuss gegangen. Dort angekommen, sah ich die Menschenmassen im Wartesaal. Und da kam mir eine Frage wieder in den Sinn, die mich schon seit Jahrzehnten quält und auf die ich noch keine Antwort habe. Kann mir das bitte jemand erklären: Warum, warum bloss müssen die Fahrgäste in China stundenlang im Wartesaal ausharren, um dann im letzten Moment losgelassen zu werden und zum Zug rennen zu müssen. Gibt es dafür einen vernünftigen Grund?

Als letzte Station meiner Reise war Zhengzhou, die Hauptsstadt der Provinz Henan, dran.

Nach meinem Abstecher in den Norden kann ich nur sagen: Ich habe ein unglaubliches Glück, hier im Süden, in Zhuhai zu leben. So ein schöne Stadt gibt es nicht so schnell wieder. Daraus könnt ihr umkehrschliessen, dass mir die beiden nordchinesische Städte nicht gefallen haben. Ich könnte mir nicht vorstellen, dort zu leben. Ok, wenn ich es müsste: Job, Frau oder ähnliches, aber freiwillig… niemals! Extrem schlechte Luft, Stau Tag und Nacht, Häuserschluchten gefüllt mit Bussen, Lkw, Fahrrädern, Pkw und einer Menge schlecht gelaunter, schlecht aussehender Menschen mit großen Körpern und groben Gesichtern. Mir fällt auf, dass die Chinesen hier im Norden viel unfreundlicher, verschlossener und schlecht gelaunt wirken. Ich habe hier das Lachen und die Freundlichkeit meiner Chinesen in Zhuhai sehr vermisst. Kein Vergleich zu den schönen, zierlichen, oft lächelnden Südchinesen. Dazu Schmuddelwetter alà Hamburg: kalt, windig und Nieselregen. Es scheint so zu sein, dass die Umgebung die Menschen prägt. Oder ist das umgekehrt: Die Menschen mit ihrem Wesen prägen ihren Lebensraum? Welch eine große Frage!

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: ein Restaurantbesuch. Wir gehen in ein Restaurant in Zhengzhou. Das Wort Restaurant beschreibt diese Lokalität jedoch sehr unzutreffend. Eine riesige Halle mit schätzungsweise mehr als hundert Tischen. Als wir dort ankommen – es ist 17.00 -, ist diese zugige Halle menschenleer, bis auf etwa 20 Mädchen Personal. Von den ausgewählten Speisen gab es jede zweite an diesem Tag nicht im Angebot. Wir sassen in dieser ungemütlichen und kalten Halle anfangs weit und breit alleine: das heisst, auch die Bedienung zerstreute sich in alle Richtungen, nur noch lautes Lachen und Kreischen zeugte von ihrer Anwesenheit am Arbeitsplatz. Allerdings weit von den Gästen entfernt. Gelegentlich huschten sie an uns vorbei, völlig vertieft in ihr Jagdspiel. Glücklicherweise haben sie uns nicht zu verstehen gegeben, dass wir stören. Ach so: Das Essen brachten sie dann doch irgendwann.

Wenn ich nur daran denke, wie flink und freundlich man in Zhuhai bedient wird! An jedem der wenigen Tische in den meist von Familien betriebenen Gaststätten lauert eine Bedienung, die auf die kleinste Regung des Gastes sofort und freundlich reagiert. Auch ein nettes Wort gehört hier zum Service wie der Reis zur Speisekarte. Den Rest besorgt die warme Luft und das abends milde Licht; tagsüber die Sonne, sofern man im Schatten sitzt, und der von Palmen umsäumte Meeresstrand.

Ist das schon eine Liebeserklärung? Dafür ist es aber nach nur einem Monat zu früh. Es kann sich höchstens um Verliebtheit handeln. Egal, ich habe jedenfalls das Gefühl, nach Hause zu fliegen.

Übrigens, meine Fotos sind hier zu sehen: http://www.putfile.com/zhouzhouforwenwen/images

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