Kind in Deutschland – schädlich wie die Autobahn

31 10 2007

Gestern auf dem Weg von Tangjia auf meine Insel habe ich wieder einmal erlebt, wie vernarrt Chinesen in Kinder sind. Eine junge Mutter mit einem etwa zweijährigen Jungen stieg in den Bus ein, und während der Fahrt hat sich fast keiner der anderen Fahrgäste es nehmen lassen, mit dem Jungen kleine Spässchen zu treiben: Grimassen schneiden, ein lustiges Wort, winken,, am Fuss ziehen. So etwas erlebe ich hier ständig. Sobald ein Kind irgendwo auftaucht, steht es sofort im Mittelpunkt. Die Mutter oder Vater werden nach dem Namen und anderen Einzelheiten gefragt, die Erwachsenen treiben kleine lustige Spässe mit dem Kleinen. Für mich undenkbar, dass sich irgendjemand in China mal über ein lautes Kind beschweren oder ein Kind auf irgendeine Weise unfreundlich behandeln könnte.

Diese kleine, alltägliche Begebenheit fiel mir wieder ein, als ich gerade den SPON ansurfte und die Schlagzeile: Kindergarten mit Lärmschutzwand sah. Der Artikel über einen Hamburger Kindergarten, der umziehen muss, weil es den Anwohnern zu laut ist, und an der neuen Stätte eine Lärmschutzwand errichten muss, hat mir die Haare zu Berge stehen lassen. Kleine Kostproben daraus:

(…) Bis Juli 2008 müssen sie das rote Backsteinhaus im Hamburger Stadtteil Marienthal räumen, müssen mit Sack und Pack, Bauklötzen und Teddybären, ausziehen, weil Nachbarn vor dem Hamburger Landgericht 2005 wegen Lärmbelästigung geklagt hatten und Recht bekamen. (…)

(…) Doch noch ehe übermorgen Bürgermeister Ole von Beust den Grundstein legen wird, flatterte beim zuständigen Bezirksamt Wandsbek Beschwerde um Beschwerde gegen den Bau der neuen Kita ein. Einer Kita mit 340 Quadratmetern Platz zum Toben und – einer Lärmschutzwand. (…)

(…) „Wir wollten uns nur vor dem befürchteten Chaos schützen“, sagt ein 83-jähriger Anwohner, der sich an den Kosten für den Anwalt mit beteiligt hat. (…) „Wir haben doch nichts gegen die Kinder“, sagt er (…)

Deutschland traurig Vaterland.

Der Artikel ist hier zu finden: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,514473,00.html





Geld mit mehr Wert

25 10 2007

Neulich habe ich irgendwo einen kurzen Bericht eines deutschen Bankkunden aus Nordchina gelesen. Dieser hatte den Eindruck, er sei für die Angestellten ein Ärgernis gewesen. Als ausländischer Bankkunde sei man schlicht eine doppelte Störung: nicht nur die gewöhnliche in Gestalt eines chinesischen Kunden. Die kann man ganz schnell aus der Welt schaffen, indem man den Kunden wegjagd oder ihm etwa den geforderten Vordruck aushändigt, um sich dann den wichtigen Dingen des Lebens zu zuwenden: essen, trinken, telefonieren. Nein, ein ausländischer Kunde sei ein härterer Brocken. Dieser erfordere nämlich größere Anstrengungen, zum Beispiel ein Gespräch in Englisch. Soweit der Ruf aus Nordchina.

Vor einigen Wochen war es soweit. Mein Bargeld war alle, ich brauchte neues. Bin also in die nächste Filiale nach Tangjia gefahren, dort wo ich mein Konto auch eröffnet hatte. Dort gibt es zwei Geldautomaten. Als ich eine Weile vor dem linken stand, verschiedene Knöpfe drückte und kein Geld rauskam, da gesellte sich ein junger Angestellter von alleine dazu und versuchte mir zu helfen. Er ging die gesamte Palette aller möglichen Tastenkombinationen durch, wie auch ich das vorher getan hatte – trotzdem bot der Automat lediglich die Möglichkeit an, die Karte zurückzubekommen. Meine Kohle rückte er nicht raus. Also holte der Angestellte Hilfe in der Gestalt eines etwas älteren Kollegen. Dieser erklärte, dass ich an dem linken Automaten leider kein Bargeld ziehen kann (den Grund hab ich nicht verstanden), aber am rechten Automaten ging’s problemlos. Die ganze Zeit waren die beiden super nett, geduldig und darauf aus, mich nicht ohne mein Bargeld gehen zu lassen. Zum Schluss entschuldigten sich die beiden geradezu für die Unannehmlichkeiten.

Mir fällt hier in Zhuhai auf, dass egal wo ich hingehe, was auch immer ich brauche die Chinesen hier sind nett, oft hilfsbereit und stets freundlich und geduldig. Meist zueinander, und fast immer zu mir und den anderen Ausländern.

Einen weniger guten Aspekt, was chinesische Banken angeht – dieser hat allerdings nichts mit den Unterschieden zwischen Nord- und Südchina zu tun -, gibt es doch. Als ich neulich in einer anderen Provinz, weit weg von Zhuhai, Geld abgehoben habe, da wurde ein Prozent der abgehobenen Summe als Gebühr berechnet. Ziemlich viel, find ich. Dafür aber ist hier die Kontoführungsgebühr unbekannt.





Having Fun Prohibited!

23 10 2007

Sollte einer von euch mal unter schlechter Laune leiden und nicht wissen, wie er/sie da wieder rauskommt, hier eine heisse Empfehlung:

http://www.engrish.com/detail.php?imagename=fun-prohibited.jpg&category=CHINGLISH&date=2007-10-15

Aus dem What is…:

Q. What is Engrish?
A. Engrish can be simply defined as the humorous English mistakes that appear in Japanese advertising and product design.

Dort gibt es auch eine Chinaabteilung: Chinglish

Es gibt auch einen ernstzunehmenden deutschen Sammler: http://www.chinglish.de

Sonst könnt ihr mt chinglish bzw. engrish googeln. Beispielsweise auf flickr gibt es eine umfangreiche Sammlung von Chinglish-Fotos.





Gutes Wetter schlechtes Wetter

21 10 2007

Mit zwei gesunden Schultern reist es sich leichter. Selbst eine Einhand-Weltumseglung ist als Zweihand-Törn leichter zu absolvieren. Und weil mir für eine solche Reise nicht nur das Boot sondern zurzeit auch noch eine gesunde Schulter fehlt, bin ich dieses Wochenende zu Hause geblieben. Und so habe ich Zeit und Muße über wirklich wichtige Dinge nachzudenken. Zum Beispiel über das Wetter. Genauer gesagt: gutes Wetter, noch genauer: gutes Wetter zum verreisen. Ob Deutschland ob Südchina – hier wie dort wartet man auf gutes Wetter, um draussen etwas zu unternehmen, etwa eine Reise. Aber im Unterschied zu Deutschland ist es mir hier meist zu heiss, um rauszugehen oder wegzufahren. Mit gutem Wetter meine ich hier kühlere Luft und weniger Sonne. Und weil das Wetter hier so schlecht ist, bleibe ich meist zu Hause. Wie heute: Schon um acht Uhr morgens sind es gefühlte 28°C. Da bietet sich die Schulterverletzung gerade so an, um zu Hause zu bleiben und über das Wetter nachzusinnen.





2,928571428571 – oder alt und glücklich

20 10 2007

Der chinesisch-amerikanische Nobelpreisträger in Physik, Yang Zhenning, ist glücklich verheiratet. Während des Besuchs der Sun Yat-Sen Universität in Guangzhou sagte er auch noch, seine Frau mache ihn jünger und vitaler. Und dann wurde er noch händchenhaltend und im Hotelpool mit seiner Frau plätschernd in vielen chinesischen Medien und auf unzähligen Internetseiten abgebildet. Und er fügte noch hinzu: Sie lässt mich wirklich die Energie der Jugend spüren.

Nun, das alleine wäre noch keiner Nachricht wert. Aber: Yang ist 85 und seine Frau… 31. Ja richtig: 54 Jahre Unterschied, oder mit anderen Worten: Herr Yang (wird wie young ausgesprochen) war zum Zeitpunkt der Heirat vor drei Jahren 82 und seine Braut 28, also 2,928571428571 älter. Pourquoi pas? Durch ihre Heirat am Heiligabend 2004 wurden Professor Yang und die Studentin Weng Fan in China über Nacht berühmt. Sie halten Chinas Medien und das Internet so ähnlich in Atem, wie in Deutschland etwa Effe und seine Was-erlauben- Strunz-Blondinen oder Bohlen und seine Veronas.

Aber im Unterschied zu Deutschland, wo der Bild-Leser oder Fernsehzuschauer über die Chaoten aus der Rubrik Sie sündigen so schön für uns! bestenfalls mit der Schulter zuckt, häufiger aber einen Vogel zeigt, ist mir hier in China – weder in den Medien, noch in den Blogs oder privat – noch keine abfällige Bemerkung, Kritik oder gar Entrüstung über diese Beziehung begegnet. Es amüsiert die Chinesen eher ein wenig, viele bewundern die beiden gar. Vielleicht symbolisiert dieses Paar in den Augen der Chinesen das Ideal des glücklichen langen Lebens, seit mehr als zwei tausend Jahren eines der höchsten Ziele des Individuums in der chinesischen Kultur.

Yang bekam den Nobelpreis 1957 für seine Arbeit auf dem Gebiet der Elementarteilchen (…for the penetrating investigation of the so-called parity laws… – wie es in der Begründung heisst). Seit 2003 hält Yang regelmässig Vorlesungen – ausschliesslich für Studienanfänger und -anfängerinnen – an der weltberühmten Qinghua-Universität in Beijing. Dort kann er seine Elementarteilchen offensichtlich in aller Ruhe betrachten und nach wie vor in penetrating Manier ausgiebig erforschen. Das nenne ich Alltagsanwendung von ansonsten furztrockener Elementarteilchenphysik!

young_yang1.jpg

 

Weitere Fotos des Paares:

http://www.chinadaily.com.cn/china/2007-09/25/content_6133691.htm

 

 

 





Lebt denn d’r alte Holzkrischi noch?

18 10 2007

Ja er lebt! Aber erstens war mein Blog die letzten Tage nicht zugänglich; zweitens habe ich mich an der Schulter ein wenig verletzt und konnte nicht schreiben (das passiert, wenn ein alter Gaul versucht, wie ein Fohlen über die Wiese zu galoppieren; ist passiert beim lustigen Jagen von Chinesen auf einer Wiese, bin über ein Grasbüschel gestolpert und ziemlich unglücklich aufgeditscht) und drittens ist in den letzten Tagen nichts berichtenswertes passiert. Als ein Schmankerl sozusagen diesmal ein lustiges Foto (geschossen von einer lieben chinesischen Freundin, Lihua, die ich in Hongkong getroffen habe):

dscn7086_b.jpg

One stop shop auf hongkongisch.

小王,谢谢你送给我的相片.





Kein Loch – auch im letzten Loch

12 10 2007

Mir fällt auf, dass ich in China noch keine Funklöcher erlebt habe. Dabei ist das Land 27 Mal größer als Deutschland. Ok, ich war noch nicht im äußersten Westen, was dem Osten in Deutschland und Europa entspricht. Die Provinzen (bzw. Autonome Regionen) Xinjiang, Tibet, Qinghai oder Innere Mongolei etwa sind wesentlich dünner besiedelt, weniger entwickelt, insgesamt ärmer als die östlichen. Vielleicht ist dort die Versorgung mit Richtfunkanlagen nicht so gut wie hier im hochentwickelten Westen und Süden.

Auf die Überlegung bin ich gekommen, nachdem ich auf meiner Inselwanderung am letzten Sonntag an diesem Schild vorbeigeschlichen bin:

100_3035_a.jpg

Wie man sieht, ist auch meine klitzekleine Insel am Ende von China lückenlos abgedeckt.

Mir fällt überhaupt auf, dass die Chinesen völlig handyverrückt sind. Soweit ich das sehe, haben viele Chinesen gar keinen Festanschluss mehr. In der Stadt – alle drei Meter ein Handyladen, auch die letzte Bäuerin auf dem Geflügelmarkt telefoniert mit der linken, während sie mit der rechten ein lebendes Huhn der Kundin präsentiert. Ich habe hier schon Fischer auf den Booten telefonieren sehen. Neulich hat ein zahnloser Greis im Bus völlig unverständliche Laute in sein Handy gemurmelt. Von den Jungen ganz zu schweigen. Völlig selbstverständlich klappen sie ihr Handy auf, wenn sie im Gespräch mit mir sich nicht verständlich machen können und nach der Englisch-Übersetzung dort suchen. Kommt man in eine andere Stadt, wird man automatisch per SMS begrüsst und mit Wetter- und anderen Informationen versorgt. Mir fällt auf, dass die Chinesen vielfältiger und häufiger ihr Handy benutzen als die Deutschen.

Und viel, viel häufiger als ich. Ich habe nämlich meine abgrundtiefe Abneigung gegen diese kleinen Dinger immer noch nicht abgelegt. Auch wenn ich hier schon sogar Smsen musste, benutze ich mein Handy nicht gerne. Aber es nützt nichts, ich werde mir bald ein neues Handy zulegen müssen: Meines kann nämlich kein Chinesisch.