Das Mondfest oder: I’m not singing in the rain

25 09 2007

Heute ist der 15. Tag des 8. Mondmonats, also Vollmond. In China ist der heutige Vollmond aber kein gewöhnlicher, keiner wie die übrigen 11 des Jahres, sondern das Mond- oder Mittherbst-Fest (中秋节). Ein Fest mit langer Tradition: schon vor etwa 3.000 Jahren wurde das Wort „Mittherbst“ erwähnt. Im Altertum opferten die Kaiser im Frühling der Sonne und im Herbst dem Mond. Später folgten die Adligen und Literaten dem Beispiel der Kaiser und bewunderten im Herbst den hellen Vollmond, und nach und nach übernahm das Volk diesen Brauch. In der Tang-Dynastie (618-907) entstand das Mondfest. In der Ming- und der Qing-Dynastie (1368-1911) ist es eines der wichtigsten Feste Chinas geworden.

Nach einer Volkssage gab es in grauer Vorzeit im Himmel zehn sengende Sonnen, so dass das Volk in bitterer Not lebte. Ein Held namens Hou Yi bestieg den Gipfel des Kunlun-Berges, spannte den Bogen und schoss auf einmal neun Sonnen herunter. Er befahl der letzten Sonne, jeden Tag pünktlich auf- und unterzugehen, was dem Volk zum Wohl gereichte. Deshalb wurde er vom Volk verehrt und respektiert. Hou Yi hatte eine schöne Frau, die Chang’e hieß. Eines Tages ging Hou Yi zum Kunlun-Berg, um einen Freund zu besuchen. Dort traf er auf die Himmelskaiserin. Diese gab ihm ein Lebenselixier und sagte ihm, wenn er das Elixier eingenommen habe, werde er unsterblich sein und zum Himmel steigen können. Da er es nicht übers Herz bringen konnte, seine Frau im Stich zu lassen, gab er seiner Frau das Elixier zur Aufbewahrung. Seine Frau steckte das Elixier in ein Kästchen, was aber von Peng Meng, einem Schüler, gesehen wurde. Eines Tages, Hou Yi war nicht zuhause, nutzte Peng Meng die Gelegenheit und zwang Chang’e, das Elixier herzugeben. Da sie wusste, dass sie Peng Meng nicht entkommen konnte, verschluckte Chang’e das Elixier. Sogleich flog sie aus dem Fenster zum Mond, Peng Meng musste fliehen.

Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr Hou Yi von dem Vorfall. Er war tief traurig und rief zum Himmel den Namen seiner Frau. Erstaunt entdeckte er, dass der Mond dieses Tages besonders hell und rund war und dass es im Mond den Schatten eines Menschen gab, der Chang’e sehr ähnlich aussah. Er lief mit aller Kraft dem Mond nach. Doch sosehr er sich Mühe gab, er konnte ihn nicht einholen. Hou Yi dachte jede Nacht an seine Frau. Er ließ im Garten, wo sich Chang’e oft aufgehalten hatte, einen Tisch mit Weihrauchstäbchen und Früchten, die Chang’e gern aß, aufstellen, um Chang’e im Mondpalast zu opfern. Als die Leute davon erfuhren, dass Chang’e zum Mond geflogen war, stellten sie auch im Mondschein einen Tisch mit Weihrauchstäbchen und beteten zu Chang’e. Seitdem verbreitete sich diese Sitte im Volk.

Wie bei uns etwa Ostereier zu Ostern, so werden hier zum Mondfest Mondkuchen gegessen. Diese werden seit etwa zwei Wochen überall angeboten. Es handelt sich um runde Kuchen mit verschiedenartiger Füllung: vor allem mit verschiedenen Früchten oder Nüssen. Meist werden sie in wunderschönen Blechkästen zu viert oder sechst oder noch mehr angeboten. Mein Mondkuchenkonsum bereitet mir schon Sorgen: Morgens zum Frühstück esse ich schon zwei drei kleine, und dann geht es den ganzen Tag so weiter. Ich kann diesen Teilen einfach nicht wiederstehen, sie haben definitiv Suchpotential. Tag und Nacht könnte ich sie essen. Bin froh, dass sie diese Tage aus den Läden verschwinden. Damit ihr euch was darunter vorstellen könnt:

yuebing.jpg

Heute feiern Verliebte, indem sie den Mond draussen gemeinsam „sehnsüchtig anschauen“. Da meine potentielle Mitfeiergelegenheit zu dem Zeitpunkt 9.000 km entfernt hinunter in ein Mikroskop anstatt nach oben zum Mond schaut, und zudem noch schon wegen der Zeitdifferenz eine zeitgleiche Betrachtung desselben Himmelskörpers mittels moderner Telekommunikationsmittel (beispielsweise Webcam) nicht möglich ist, wurde ich hier zu einer chinesischen Mondfest-Feier eingeladen. Und weil hier auf meiner Insel Ausländer, zumal in potentiell singfähiger Verfassung rar sind, wurde ich gebeten, aus diesem feierlichen Anlass vor einer Gruppe – etwa 600 – Chinesen ein traditionelles deutsches Lied zu singen. Meine spontane Wahl fiel auf Die Gedanken sind frei, aber nachdem sich einige Chinesen anboten, mitzusingen und ich sie in keine Schwierigkeiten bringen wollte, sind wir auf die Ode an die Freude alias Europahymne umgeschwenkt. Während der gestrigen Probe stellte sich heraus, dass einer der Mitsängern Musikpädagogik studiert hatte und folglich mühelos die zweite Stimme singen konnte. Und das klang scheinbar so gut, dass so manches chinesisches neugieriges Gesicht durch die Tür in unseren Proberaum hineinschaute.

Ausserdem hat man mich gebeten, eine kleine Ansprache – auf Chinesisch natürlich – zu halten. Mit Hilfe meiner Lieben habe ich diese auch vorbereitet und wollte heute meinen Zuhörern etwas über die Friedensträume der Europäer erzählen und davon dass Seid umschlungen, Millionen! nicht etwa eine Prophezeiung Schillers über die heutige Jagd der Chinesen nach Reichtum oder gar das neue Programm der KPCh ist. Aber schon in der Nacht fing es an zu regnen, und es hörte den ganzen Tag nicht auf, so dass die Festivität abgesagt wurde. Macht nichts. Das nächste Mondfest kommt bestimmt.

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5 responses

28 09 2007
wenwen

sofa!!

28 09 2007
wenwen

everybody eat yue bin in china, especially u…. 🙂

28 09 2007
willanders

yes, i eat many yuebing, some Chinese i asked, don’t like yue bing. maybe it is like in Germany: some poeple don’t like for example eggs in the eastern, even if eggs are the tradional „food“ at that time.

29 09 2007
wenwen

it seems i have not eaten a single yue bin in germany…..

3 10 2007
Fynn

Vorsicht vor einem erhöhten Bleigehalt der Blechdöschen 😉 Und als Liedvorschlag fürs nächste Jahr: ‚Drei Chinesen mit nem Kontrabass‘

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