Weisse Weste mit Blei

22 09 2007

… oder ein US-Riese bittet Chinesen um Verzeihung.

Nicht miserable Material- und Produktqualität in den chinesischen Spielzeugfabriken, sondern Fehler der konzerneigenen Designer waren Anlass für die neuerlichen Rückrufaktionen von Spielzeugfiguren der US-Firma Mattel. (Siehe auch meinen Beitrag vom 25.08.2007 – ich weiß leider nicht, wie das mit der Verlinkung funktioniert, sonst würde ich diesen Beitrag hier verlinkt haben.) Die Mängel seien auf Fehler beim Spielzeug-Design zurückzuführen, sagte ein Mattel-Manager: Ich entschuldige mich beim (…) chinesischen Volk sowie all den Kunden, die das Spielzeug gekauft haben. Von den gut 21 Millionen zurückgeholten Spielzeugfiguren seien 13% wegen bleihaltiger Farbe, 87% aber wegen eigener Designfehler von Mattel zurückgerufen worden. Der Manager betonte weiter, die große Mehrheit dieser Produkte habe zurückgerufen werden müssen, weil Mattel Fehler beim Design gemacht habe und nicht etwa die chinesischen Lieferanten bei der Herstellung,

Auch in Deutschland waren hunderttausende Produkte betroffen, unter anderem Barbie-Figuren und -Accessoires. Als Hauptproblem hatte Mattel damals sofort einen zu hohen Bleigehalt in der Farbe und lose Magneten genannt. Die Spielzeug-Rückrufe hatten weltweit für Besorgnis bei den Verbrauchern gesorgt. Aber auch für China, mit Siebenmeilenstiefeln auf dem Weg zum Export-Weltmeister, drohte die Rückrufwelle in einem nachhaltigen Imageschaden zu enden.

China scheint aus diesem Debakel seine Lektion gelernt zu haben und geht derzeit scharf gegen eigene Spielzeughersteller mit Qualitätsmängel vor. So wurden in den letzten Wochen Lizenzen von rund 300 Firmen eingezogen. China ist der weltweit größte Exporteur von Spielzeugen und hat 2006 rund 22 Milliarden Spielzeuge exportiert, etwa 60 % der weltweiten Produktion.

China macht also seine Hausaufgaben. Und wir?

. Wo bleiben die Rücktritte der verantwortlichen Barbie-Bosse?

. Werden unfähige, höchstbezahlte westliche Manager eines Tages Verantwortung für ihre eigenen Fehler übernehmen, oder wie bisher, stattdessen den anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben?

. Werden diese Wirtschaftskapitäne aus dem Verkehr und zur Verantwortung gezogen?

. Wird Mattel mit den vielen geschassten chinesischen Lieferanten – mit wohl hunderttausenden chinesischen Arbeitsplätzen – wieder zusammenarbeiten?

. Wird Mattel sich bei der Familie des selbstgetöteten Lida-Chefs (siehe meinen Blogbeitrag vom 25.08.) entschuldigen oder gar Entschädigung leisten?

. Werden wir, Verbraucher, darauf drängen, dass die westlichen Konzerne einen Teil ihrer märchenhaften Gewinne den chinesischen Billiglöhnern zukommen lassen? Oder werden wir statt dessen wie gewohnt Krokodilstränen über die Sklavenarbeiter vergiessen? Dass die Konzerne von sich aus für höhere Löhne sorgen werden, das halte ich schlicht für unrealistisch.

. Werden wir, Verbraucher, bereit sein, einen höheren Preis für T-Shirts, MP3-Abspielgeräte, Schuhe, Lampen, Notebooks und all das andere Zeugs aus China zu zahlen, wenn uns der Lieferant garantiert, die Preisdifferenz direkt an die chinesischen Arbeiter weiter zu geben?

. Wann werden wir – die westliche Öffentlichkeit – aufhören, Made in China sofort und ausschliesslich mit schlechter Qualität, Arbeitssklaven oder gar mit Fa lun Gong, Da Lai La ma, Tibet und der Taiwanfrage zu verknüpfen?

Um gleich allen Missverständnissen vorzubeugen: all das – in der letzten Frage Aufgeworfene – gibt es, aber eben nicht nur das! Und vor allem nicht so wie es uns unsere Medienpropaganda weismachen will. Es ist so, als ob man im Ausland etwa jede Bilanz-Pressekonferenz von Siemens mit der Neonazi-Problematik in Ostdeutschland oder mit den Entschädigungsforderungen der Preussischen Treuhand gegenüber Polen in Verbindung bringen würde.

Ich denke, wir sollten schon in unserem Interesse schnell aufhören, China ausschliesslich durch diese negative Brille zu sehen. Sonst werden wir uns noch die Augen reiben, wenn wir bald in Neuschwanstein, Hofbräuhaus oder auf der Düsseldorfer Kö Scharen von chinesischen Touristen mit dicken Portemonnaies und hochklassiger Elektronik mit Marken Made in China antreffen und unser Strassenbild unzählige chinesische Autos prägen werden. Zumindest was die Touristen angeht, konnte ich meine Voraussage schon vor einigen Wochen in Paris als verifiziert sehen: ob in Louvre oder in Versailles, die Mehrheit der Besucher sprach Chinesisch.

Wenn wir diese Lektion gelernt haben, dann war das Mattel-Theater doch zu was nützlich, und diese Verzeihung-Schose einer der letzten dieser Art.

Quellen für das Mattel-Thema, unter anderem:
CRI online – http://german.cri.cn/221/2007/09/21/1@82210.htm
Spiegel Online – http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,507126,00.html

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6 responses

22 09 2007
wenwen

sofa!

22 09 2007
Pas

link: entweder entsprechend zusammenklicken oder der Text der als Link dasteht

vergess die „“ nicht!

22 09 2007
Pas

mist, der wandelt das, was in code steht auch um, kann dir dann nicht helfen!

22 09 2007
willanders

er bietet mir keine möglichkeit, links im text einzubauen. ich meine da ist ein icon für links, aber das ist ständig inaktiv.

25 09 2007
KannAnders

Hy Krischi, netten Gruß von der Familie Anders……….. Mattel hin oder her, Du mußst mehr essen…… So’nen Hungerhaken können wir nie wieder einfliegen lassen. Übrigens: Ich könnte ’ne chinesische Raket steigen lassen, wenn Du Dein Visum hast…was sagst Du nun?

27 09 2007
Anonymous

hi lieber KannAnders, die Lunte brennt hoffentlich schon: Ich habe seit gestern ein Langzeitvisum, genauer gesagt: Residence Permit, bis zum nächsten Sommer. So jetzt kann ich rein und raus wie ich lustig bin.

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