Das Mondfest oder: I’m not singing in the rain

25 09 2007

Heute ist der 15. Tag des 8. Mondmonats, also Vollmond. In China ist der heutige Vollmond aber kein gewöhnlicher, keiner wie die übrigen 11 des Jahres, sondern das Mond- oder Mittherbst-Fest (中秋节). Ein Fest mit langer Tradition: schon vor etwa 3.000 Jahren wurde das Wort „Mittherbst“ erwähnt. Im Altertum opferten die Kaiser im Frühling der Sonne und im Herbst dem Mond. Später folgten die Adligen und Literaten dem Beispiel der Kaiser und bewunderten im Herbst den hellen Vollmond, und nach und nach übernahm das Volk diesen Brauch. In der Tang-Dynastie (618-907) entstand das Mondfest. In der Ming- und der Qing-Dynastie (1368-1911) ist es eines der wichtigsten Feste Chinas geworden.

Nach einer Volkssage gab es in grauer Vorzeit im Himmel zehn sengende Sonnen, so dass das Volk in bitterer Not lebte. Ein Held namens Hou Yi bestieg den Gipfel des Kunlun-Berges, spannte den Bogen und schoss auf einmal neun Sonnen herunter. Er befahl der letzten Sonne, jeden Tag pünktlich auf- und unterzugehen, was dem Volk zum Wohl gereichte. Deshalb wurde er vom Volk verehrt und respektiert. Hou Yi hatte eine schöne Frau, die Chang’e hieß. Eines Tages ging Hou Yi zum Kunlun-Berg, um einen Freund zu besuchen. Dort traf er auf die Himmelskaiserin. Diese gab ihm ein Lebenselixier und sagte ihm, wenn er das Elixier eingenommen habe, werde er unsterblich sein und zum Himmel steigen können. Da er es nicht übers Herz bringen konnte, seine Frau im Stich zu lassen, gab er seiner Frau das Elixier zur Aufbewahrung. Seine Frau steckte das Elixier in ein Kästchen, was aber von Peng Meng, einem Schüler, gesehen wurde. Eines Tages, Hou Yi war nicht zuhause, nutzte Peng Meng die Gelegenheit und zwang Chang’e, das Elixier herzugeben. Da sie wusste, dass sie Peng Meng nicht entkommen konnte, verschluckte Chang’e das Elixier. Sogleich flog sie aus dem Fenster zum Mond, Peng Meng musste fliehen.

Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr Hou Yi von dem Vorfall. Er war tief traurig und rief zum Himmel den Namen seiner Frau. Erstaunt entdeckte er, dass der Mond dieses Tages besonders hell und rund war und dass es im Mond den Schatten eines Menschen gab, der Chang’e sehr ähnlich aussah. Er lief mit aller Kraft dem Mond nach. Doch sosehr er sich Mühe gab, er konnte ihn nicht einholen. Hou Yi dachte jede Nacht an seine Frau. Er ließ im Garten, wo sich Chang’e oft aufgehalten hatte, einen Tisch mit Weihrauchstäbchen und Früchten, die Chang’e gern aß, aufstellen, um Chang’e im Mondpalast zu opfern. Als die Leute davon erfuhren, dass Chang’e zum Mond geflogen war, stellten sie auch im Mondschein einen Tisch mit Weihrauchstäbchen und beteten zu Chang’e. Seitdem verbreitete sich diese Sitte im Volk.

Wie bei uns etwa Ostereier zu Ostern, so werden hier zum Mondfest Mondkuchen gegessen. Diese werden seit etwa zwei Wochen überall angeboten. Es handelt sich um runde Kuchen mit verschiedenartiger Füllung: vor allem mit verschiedenen Früchten oder Nüssen. Meist werden sie in wunderschönen Blechkästen zu viert oder sechst oder noch mehr angeboten. Mein Mondkuchenkonsum bereitet mir schon Sorgen: Morgens zum Frühstück esse ich schon zwei drei kleine, und dann geht es den ganzen Tag so weiter. Ich kann diesen Teilen einfach nicht wiederstehen, sie haben definitiv Suchpotential. Tag und Nacht könnte ich sie essen. Bin froh, dass sie diese Tage aus den Läden verschwinden. Damit ihr euch was darunter vorstellen könnt:

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Heute feiern Verliebte, indem sie den Mond draussen gemeinsam „sehnsüchtig anschauen“. Da meine potentielle Mitfeiergelegenheit zu dem Zeitpunkt 9.000 km entfernt hinunter in ein Mikroskop anstatt nach oben zum Mond schaut, und zudem noch schon wegen der Zeitdifferenz eine zeitgleiche Betrachtung desselben Himmelskörpers mittels moderner Telekommunikationsmittel (beispielsweise Webcam) nicht möglich ist, wurde ich hier zu einer chinesischen Mondfest-Feier eingeladen. Und weil hier auf meiner Insel Ausländer, zumal in potentiell singfähiger Verfassung rar sind, wurde ich gebeten, aus diesem feierlichen Anlass vor einer Gruppe – etwa 600 – Chinesen ein traditionelles deutsches Lied zu singen. Meine spontane Wahl fiel auf Die Gedanken sind frei, aber nachdem sich einige Chinesen anboten, mitzusingen und ich sie in keine Schwierigkeiten bringen wollte, sind wir auf die Ode an die Freude alias Europahymne umgeschwenkt. Während der gestrigen Probe stellte sich heraus, dass einer der Mitsängern Musikpädagogik studiert hatte und folglich mühelos die zweite Stimme singen konnte. Und das klang scheinbar so gut, dass so manches chinesisches neugieriges Gesicht durch die Tür in unseren Proberaum hineinschaute.

Ausserdem hat man mich gebeten, eine kleine Ansprache – auf Chinesisch natürlich – zu halten. Mit Hilfe meiner Lieben habe ich diese auch vorbereitet und wollte heute meinen Zuhörern etwas über die Friedensträume der Europäer erzählen und davon dass Seid umschlungen, Millionen! nicht etwa eine Prophezeiung Schillers über die heutige Jagd der Chinesen nach Reichtum oder gar das neue Programm der KPCh ist. Aber schon in der Nacht fing es an zu regnen, und es hörte den ganzen Tag nicht auf, so dass die Festivität abgesagt wurde. Macht nichts. Das nächste Mondfest kommt bestimmt.

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Chinesen, macht mehr Kinder!

24 09 2007

…aber nur wenn ihr in Guangzhou lebt. In der südchinesischen 8-Millionen-Stadt wurde die seit Anfang der achtziger Jahren geltende Ein-Kind-Politik nun offiziell außer Kraft gesetzt. Paare mit einem Kind wurden sogar aufgefordert, weitere Kinder zu bekommen.

Chinas Führung beobachtet nämlich mit Sorge die rasch fortschreitende Überalterung der Gesellschaft und die negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und das Sozialversicherungssystem. Im Jahr 2010 werden in Guangzhou Prognosen zufolge etwa eine Million Menschen wohnen, die älter als 60 Jahre sind. Aber nur 40.000 Altersheimplätze werden ihnen zur Verfügung stehen.

So sah es dort vor dem Bahnhof letzte Woche aus:

Auf die selbe Location in 2027 bin ich schon gespannt.

Artikel nachzulesen: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,492494,00.html





Weisse Weste mit Blei

22 09 2007

… oder ein US-Riese bittet Chinesen um Verzeihung.

Nicht miserable Material- und Produktqualität in den chinesischen Spielzeugfabriken, sondern Fehler der konzerneigenen Designer waren Anlass für die neuerlichen Rückrufaktionen von Spielzeugfiguren der US-Firma Mattel. (Siehe auch meinen Beitrag vom 25.08.2007 – ich weiß leider nicht, wie das mit der Verlinkung funktioniert, sonst würde ich diesen Beitrag hier verlinkt haben.) Die Mängel seien auf Fehler beim Spielzeug-Design zurückzuführen, sagte ein Mattel-Manager: Ich entschuldige mich beim (…) chinesischen Volk sowie all den Kunden, die das Spielzeug gekauft haben. Von den gut 21 Millionen zurückgeholten Spielzeugfiguren seien 13% wegen bleihaltiger Farbe, 87% aber wegen eigener Designfehler von Mattel zurückgerufen worden. Der Manager betonte weiter, die große Mehrheit dieser Produkte habe zurückgerufen werden müssen, weil Mattel Fehler beim Design gemacht habe und nicht etwa die chinesischen Lieferanten bei der Herstellung,

Auch in Deutschland waren hunderttausende Produkte betroffen, unter anderem Barbie-Figuren und -Accessoires. Als Hauptproblem hatte Mattel damals sofort einen zu hohen Bleigehalt in der Farbe und lose Magneten genannt. Die Spielzeug-Rückrufe hatten weltweit für Besorgnis bei den Verbrauchern gesorgt. Aber auch für China, mit Siebenmeilenstiefeln auf dem Weg zum Export-Weltmeister, drohte die Rückrufwelle in einem nachhaltigen Imageschaden zu enden.

China scheint aus diesem Debakel seine Lektion gelernt zu haben und geht derzeit scharf gegen eigene Spielzeughersteller mit Qualitätsmängel vor. So wurden in den letzten Wochen Lizenzen von rund 300 Firmen eingezogen. China ist der weltweit größte Exporteur von Spielzeugen und hat 2006 rund 22 Milliarden Spielzeuge exportiert, etwa 60 % der weltweiten Produktion.

China macht also seine Hausaufgaben. Und wir?

. Wo bleiben die Rücktritte der verantwortlichen Barbie-Bosse?

. Werden unfähige, höchstbezahlte westliche Manager eines Tages Verantwortung für ihre eigenen Fehler übernehmen, oder wie bisher, stattdessen den anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben?

. Werden diese Wirtschaftskapitäne aus dem Verkehr und zur Verantwortung gezogen?

. Wird Mattel mit den vielen geschassten chinesischen Lieferanten – mit wohl hunderttausenden chinesischen Arbeitsplätzen – wieder zusammenarbeiten?

. Wird Mattel sich bei der Familie des selbstgetöteten Lida-Chefs (siehe meinen Blogbeitrag vom 25.08.) entschuldigen oder gar Entschädigung leisten?

. Werden wir, Verbraucher, darauf drängen, dass die westlichen Konzerne einen Teil ihrer märchenhaften Gewinne den chinesischen Billiglöhnern zukommen lassen? Oder werden wir statt dessen wie gewohnt Krokodilstränen über die Sklavenarbeiter vergiessen? Dass die Konzerne von sich aus für höhere Löhne sorgen werden, das halte ich schlicht für unrealistisch.

. Werden wir, Verbraucher, bereit sein, einen höheren Preis für T-Shirts, MP3-Abspielgeräte, Schuhe, Lampen, Notebooks und all das andere Zeugs aus China zu zahlen, wenn uns der Lieferant garantiert, die Preisdifferenz direkt an die chinesischen Arbeiter weiter zu geben?

. Wann werden wir – die westliche Öffentlichkeit – aufhören, Made in China sofort und ausschliesslich mit schlechter Qualität, Arbeitssklaven oder gar mit Fa lun Gong, Da Lai La ma, Tibet und der Taiwanfrage zu verknüpfen?

Um gleich allen Missverständnissen vorzubeugen: all das – in der letzten Frage Aufgeworfene – gibt es, aber eben nicht nur das! Und vor allem nicht so wie es uns unsere Medienpropaganda weismachen will. Es ist so, als ob man im Ausland etwa jede Bilanz-Pressekonferenz von Siemens mit der Neonazi-Problematik in Ostdeutschland oder mit den Entschädigungsforderungen der Preussischen Treuhand gegenüber Polen in Verbindung bringen würde.

Ich denke, wir sollten schon in unserem Interesse schnell aufhören, China ausschliesslich durch diese negative Brille zu sehen. Sonst werden wir uns noch die Augen reiben, wenn wir bald in Neuschwanstein, Hofbräuhaus oder auf der Düsseldorfer Kö Scharen von chinesischen Touristen mit dicken Portemonnaies und hochklassiger Elektronik mit Marken Made in China antreffen und unser Strassenbild unzählige chinesische Autos prägen werden. Zumindest was die Touristen angeht, konnte ich meine Voraussage schon vor einigen Wochen in Paris als verifiziert sehen: ob in Louvre oder in Versailles, die Mehrheit der Besucher sprach Chinesisch.

Wenn wir diese Lektion gelernt haben, dann war das Mattel-Theater doch zu was nützlich, und diese Verzeihung-Schose einer der letzten dieser Art.

Quellen für das Mattel-Thema, unter anderem:
CRI online – http://german.cri.cn/221/2007/09/21/1@82210.htm
Spiegel Online – http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,507126,00.html





Hongkong – 24 Stunden im Schnelldurchlauf

21 09 2007

Weil heute nichts besonderes passiert ist – mein Visum kriege ich am nächsten Mittwoch, das hab ich schwarz auf weiß -, hier eine kleine Spielerei:

http://61226.com/share/hk.swf


Einfach die Maus vertikal drüber fahren lassen oder das Bild anklicken… viel spass.





Eine galaktische Erfahrung?

19 09 2007

Eine Frage ist für mich seit heute definitiv beantwortet: Alle Behörden auf diesem unserem Blauen Planeten – unabhängig von kulturellem Hintergrund, politischem System, Kontinent, Höhe über dem Meeresspiegel, Klima, Sprache, Hautfarbe und Religionszugehörigkeit der Bediensteten – alle, aber auch alle Behörden funktionieren gleich! Was ist daran so neu?, wird der eine oder andere fragen, der schon mal seine Steuererklärung in Oer-Erkenschwick abgegeben und einen Bauantrag in Clausthal-Zellerfeld gestellt hat. Vielleicht ist das für den einen oder anderen eine abgewetzte Binsenweisheit. Für mich als einen unheilbaren Optimisten dagegen bleibt die ewige Hoffnung am Leben, irgendwann, irgendwo einmal an einem Verwaltungsakt teihaben zu dürfen, nach dessen Vollzug man sagen kann: WOW! Wie zum Beispiel nach dem neuerlichen Sieg der deutschen Fussballnationalmannschaft gegen Argentinien bei der Frauen-WM – in China (womit ein Bezug hergestellt wäre).

Also heute, heute war mein großer Tag: Visum beantragen! Und zwar mein Jahresvisum für China. Nachdem der Gesundheitscheck keine Ablehnungsgründe geliefert hatte, und auch sonstige Genehmigungen eingeholt waren, bin ich heute morgen nach Zhuhai gefahren. Bewaffnet mit mustergültig, in schönster Handschrift ausgefüllten Formularen (alle Fotos am rechten Fleck bombensicher festgeklebt), frisch rasiert, gut gelaunt und frohen Mutes (habe schliesslich auch noch an Ersatzfotos gedacht! ha! ganz schön clever von mir!) betrat ich das für Visumangelegenheiten, Ausländer- und sonstige Sicherheitsfragen zuständige Amt. Am Service-Schalter im ersten Stock bat ich die freundlich lächelnde junge Dame um eine Wartenummer. Die Nummer: 08, der Wartebereich für Ausländer fast leer. Gut! Zum Mittagessen bin ich wieder zu Hause. Allerdings bat mich die Angestellte vorsorglich, ihr meine Antragsunterlagen zu zeigen. Ebenfalls freundlich lächelnd breitete ich meinen ganzen Stolz vor ihr aus. Allerdings fiel der hübschen Bediensteten gleich auf, dass mein Foto auf dem Antragsformular einen weissen Hintergrund vorweist. Auf meinen Einwand hin, der Fotograf in Tang Jia habe mir ausdrücklich zugesichert, bei den von ihm angefertigten Aufnahmen handele es sich ganz bestimmt um Fotos für einen Visumantrag, antwortete die nach wie vor sehr freundlich wirkende Chinesin: Nun, so war es im letzten Jahr. In diesem Jahr akzeptieren wir nur noch Aufnahmen mit blauem Hintergrund. Durch jahrzehntelange Grabenkämpfe mit Behörden gestählt, habe ich alle weiteren Fragen und Einwände als Zeitvergeudung verstanden und mir diese verkniffen, bis auf eine: Wo kann ich Fotos mit blauem Hintergrund anfertigen lassen?

Zum Glück war das Fotostudio gleich gegenüber, auf der anderen Strassenseite. Diese habe ich auch überquert, ohne mich auf die Motorhaube eines der vielen vorbeisausenden Autos zu verirren. Allerdings war der Laden proppenvoll. Wohl alles Dumme, die nicht mitbekommen haben, dass die Modefarbe dieser Saison Blau heisst. Irgendwann war auch ich an der Reihe. Während der Fotograf sein Handwerk verrichtete: Gucken Sie mehr nach rechts! Nein, nicht sooo weit, zurück. Jetzt mehr nach oben! Und lächeln Sie ein wenig… gesellte sich die Chefin dazu und erzählte mir, dass ihr Mann Amerikaner sei, der in Wyoming lebt. Dann hat sie mir noch angeboten, dass Foto privat und gratis per Email zuzuschicken. Echt nett. Doch auch die netteste Unterhaltung ist irgendwann zu Ende; spätestens dann, wenn das Touristenvisum ausläuft und man noch keinen Ersatz hat.

Ich also wieder über die Strasse, in das Amtsgebäude rein. Erster Stock, die freundliche junge Dame kurz mal aus dem Sekundenschlaf gerissen, Nummer gezogen. Gut fünf Minuten gewartet. Ding dong, meine Nummer erscheint, bin dran. Während ich meine wohlsortierten Unterlagen aus dem Ordner hole und mein Konterfei vor blauem Hintergrund betont lässig vor die junge freundliche Visabeamtin lege, lobt sie mich für mein Chinesisch und fragt nach dem Grund für meinen Chinaaufenthalt. Weil ich China sehr mag! – nach dieser Antwort kann rein gar nichts mehr schief gehen, dessen bin ich mir jetzt total sicher.

Als sie aber mein Antragsformular in die Hand nimmt, und das Wort Aber… sehr langsam in ihrer Kehle beginnend, über die Zungenspitze rollt, zwischen den zugespitzten Lippen ihrem Mund entweicht und sich in meine Ohren bohrt – in diesem Moment schmilzt all meine Zuversicht dahin, wie der dünne Eisbelag auf den tiefgekühlten Coladosen in der Zhuhaier Mittagssonne. … Sie haben das Formular per Hand ausgefüllt! Fieberhaft versuche ich mich an jede Verhaltensweise für Ausländer in China zu erinnern die ich jemals in einem der unzähligen China-Ratgebern gelesen habe. Von Handschriften-Verbot war nirgends die Rede. Seit einem halben Jahr werden alle Formulare bei uns automatisch gelesen und elektronisch archiviert. Sie müssen es auf dem Computer ausfüllen. Tut mir leid. Mir auch. Vor allem, weil mein Mittagessen ohne mich stattfindet. Rund eine Stunde Hinweg, eine gute Stunde Behörde und Fotostudio, eine Stunde zurück – das bedeutet, mein gewohntes Mittagessen ist für heute passe; muss mich dringend um meine Nahrungsaufnahme andernorts als sonst kümmern. (Ich habe neulich von meiner rasanten Sinisierung geschrieben. Der ständige Hunger, oder vielmehr das ständige Denken ans Essen, ist ein weiteres Zeichen dafür!) Also morgen noch einmal hin: die hübsche Angestellte am Infoschalter bitten, eine Nummer für mich zu ziehen; der freundlichen Visa-Beamtin erzählen, dass mich meine China-Affinität in dieses Land geführt hat; vielleicht auch beim Fotostudio vorbeischauen und der freundlichen Chefin ein Danke schön! für das Emailfoto sagen – China lehrt Gelassenheit. Und Dankbarkeit. Zum Beispiel dafür, dass Chinas Strafgesetzbuch keine Strafen für handschriftliche Einträge auf amtlichen Formularen vorsieht.

Tief entspannt und voller Dankbarkeit überlegte ich auf dem Heimweg im Bus, warum es so ist, dass Antragsteller aus allen Weltgegenden von ähnlichen Erlebnisses mit Behörden berichten. Vielleicht ist es so, weil nur Menschen mit einem besonderen Beamten-Gen sich zu einer derartigen Tätigkeit hingezogen fühlen? Und sind sie erst einmal drin und tragen dort Verantwortung für die Funktionsweise ihrer Institution, dann verrichten sie ihren Job nach einem seit Jahrmillionen festgelegten Muster. Wie zum Beispiel verschiedene Vogelarten, die ihre Nester immer nach einem speziellen, ihrer Art eigenem Muster bauen? Neulich habe ich gelesen, dass sogar Wale in verschiedenen Dialekten miteinander kommunizieren. Warum ist das so? Ich sage nur: Gene. Und wenn meine These stimmt, wonach die Beamten ein besonderes Gen in ihrem Erbgut vorweisen können, wird man dieses Gen auch bei Beamten auf von Außerirdischen bewohnten erdähnlichen Exoplaneten in fernen Galaxien finden? Oder geht man auf diesem Planeten – sagen wir mal auf dem OGLE-2005-BLG-390Lb, der glücklicherweise kälter sein soll als der Ypsilon Andromedae D – aufs Amt und nach 10 Minuten kommt man raus mit genehmigtem Antrag auf Anbau am alten Geräteschuppen im Schrebergarten?

Bevor ich dieser Frage noch weiter nachgehen konnte, stoppte der Bus leider schon vor meinem Haus. Das nächste Mal nehme ich lieber meinen Sonnenschirm wieder mit oder setze mich zumindest auf die schattige Busseite. Besser ist das.





Wipha wedelt mit dem Schwanz

18 09 2007

Von besorgten Menschen aus Deutschland werde ich gefragt, ob hier noch alles steht. Also, liebe Gläubiger und Schuldner, ihr könnt heute abend entweder ruhig schlafen gehen oder in die Tischkante beissen – je nach dem. Hier weht heute eine nur ein ganz wenig kräftigere Brise und es ist nicht so drückend wie sonst. Das heutige Wetter erinnert an einen sehr heissen Hamburger Sommertag. So könnte es bleiben. Und hier ein Satellitenfoto von gerade eben:

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Armes Taiwan!





Endlich nach links! – Bilder von meiner Trauminsel (1)

16 09 2007

Nach fast drei Wochen hier habe ich es gestern zum ersten Mal geschafft, meine Schritte nicht wie stets nach rechts zur Bushaltestelle, sondern nach links zu richten: Bin über meine Insel gewandert. Um das Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: Es hat sich gelohnt! Aber der Reihe nach.

Hier bin ich gestartet. Das ist mein Zuhause seit Ende August. Ich wohne im zweiten Stock, ziemlich rechts (Eigentlich wohne ich im chinesischen 3. Stock, weil die Chinesen das Erdgeschoss mit „1. Stock“ bezeichnen.):

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Der Blick vom Balkon aus: Palmen und Meer soweit das Auge reicht! Ich hab schon schlechter gewohnt:

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Manche der Inselbewohner leben vom Fischfang – mit unterschiedlichen Methoden, wie man sieht:

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Bin weiter am Wasser entlang gelaufen – ich meine… gegangen; ok ok, ich geb’s zu: bin bei dieser Bullenhitze geschlichen. Uff, war das heiss! Von weitem schon sah ich Fischnetze auf Holzgestellen im Wasser. Diese werden mit Hilfe einer Seilwinde ins Wasser gelassen und dann – hoffentlich mit Inhalt – hochgezogen:

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Neugierig wie ich nun mal bin, wollte ich mir die Netze genauer ansehen. Und auf einmal, hinter einem Felsvorsprung, stand ich vor einem abgelegenen Restaurant. Das Restaurant hängt an einem Berghang, direkt über dem Meer. Küche, Gästeraum und Durchgangspfad – alles in einem Raum. Hätte die Hitze gestern nicht den kleinsten Rest meines Hungers weggebrannt, wäre ich sicherlich eingekehrt. Aber dieses Restaurant läuft mir nicht weg. Im Vordergrund werden Fische für den Markt in Tang Jia in der heissen Sonne getrocknet:

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Dort wird allerdings nicht nur der Frischfang serviert. Gleich daneben wird auch Geflügel für den hungrigen Wanderer vorbereitet. In diesen Öfen aus Ziegelsteinen

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werden auch Enten geräuchert:

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Ein Stück weiter, kam ich an einen einsamen Strand. Und da gab’s für mich kein Halten mehr, bin dort einfach schnell ins Wasser gehechtet:

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Widerwillig nur bin ich aus dem lauwarmen Meer gestiegen. Der lange Heimweg wurde mir allerdings wiederholt versüsst durch hinter Felsvorsprüngen plötzlich auftauchende kleine Eilande, die mich an zahllose alte chinesische Landschaftsbilder erinnerten:

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Diese Insel übertrifft definitiv meine Erwartungen, die ich in Deutschland hatte. Klare Luft und konstante leichte Brise; wenig bevölkert; auf einer modernen Straße und über eine Brücke ist die nächste Stadt schnell und problemlos erreichbar – nur um einige der Vorteile von Qi’ao Dao aufzulisten. Hier lässt es sich prima leben! In der Zukunft werde ich meine Schritte öfter mal nach links lenken.