Diao was? – Das Weltkulturerbe vor der Nase

5 11 2007

- Diao was? – bekam ich meist als Antwort zu hören. Selbst manche der angesprochenen Chinesen konnten mit dem Begriff Diaolou nichts anfangen. Dabei wollte ich mir nichts geringeres ansehen als das neueste Weltkulturerbe der UNESCO. Also früh aufstehen, runter nach Gongbei (für die Neuen: die Stadtmitte von Zhuhai), in den Fernbus nach Kaiping umsteigen, hinsetzen, Schuhe ausziehen, Rückenlehne nach hinten drücken und während der dreistündigen Fahrt auf der Autobahn den fehlenden Schlaf nachholen.
Die Stadt Kaiping ist für die architektonisch einzigartigen Diaolou (碉楼) bekannt, auch wenn diese nicht direkt in der Stadt sondern außerhalb stehen. Ein Diaolou, zu Deutsch etwa Wachturmhaus, ist ein befestigtes, meist fünf- oder sechsgeschossiges Haus mit Veranda und verzierten Balkonen, das sowohl als Wohnhaus wie auch, praktischerweise, als Verteidigungsanlage genutzt wurde.
Mehr als 1.800 dieser Wohntürme ragen mitten in den Reisfeldern, den Bambuswäldern und den grünen Berglandschaften in den Himmel. Es gibt drei Arten von Diaolou: Gemeinschafts-Diaolou – gebaut gemeinsam von mehreren Familien; diese wurden auch gemeinsam als Fluchtburgen genutzt; davon stehen noch 473. Familien-Diaolou – gebaut und genutzt von einer einzigen Familie (1.149) und reine Wachtürme, die jüngsten, von denen es noch 221 gibt.
Sie alle sind heute unbewohnt, stehen einsam im Feld oder mitten in einem alten Dorf – und alle erzählen ein Stück chinesischer Geschichte: Von der Emigration chinesischer Bauern im 19. und 20. Jahrhundert in die ganze Welt, vor allem nach Nordamerika und Südostasien. Dort zu Reichtum gekommene Chinesen bauten diese festungsartigen Wohnburgen, um ihre Angehörigen vor Plünderungen der umherziehenden Banden zu schützen.
Die Diaolou kombinieren auf eine skurrile Art und Weise westliche und chinesische Architektur. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Chinesen, die ihre Heimat verlassen hatten und mit dem im Ausland verdienten Geld um Kaiping später Häuser bauten, Stilelemente aus ihren Gastländern mitbrachten. Und damit man von weitem sehen konnte, dass er in der Ferne zu Geld gekommen ist, mussten die Häuser um jeden Preis auffallen. Also wurde die östliche Fassade wie ein toskanisches Landhaus gestaltet, die Südseite wiederum im Stil einer Südstaaten-Villa drapiert. Den restlichen Teilen wurden Barock- oder Jugendstil-Elemente verpasst und oben drauf wurde ein Zwiebelturm draufgesetzt.

Diese skurrile Mischung der architektonischen Stile macht sie so einzigartig, dass sie 2001 von Chinas Zentralregierung unter Denkmalschutz und Ende Juni 2007 von der UNESCO auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt wurden. Und ich find sie so faszinierend, dass ich noch mehrmals dahin fahren werde. Es sind ja nur drei Stunden Busfahrt.
Und hier findet ihr die passenden Fotos:

http://whc.unesco.org/en/list/1112

http://www.china.com.cn/aboutchina/zhuanti/kpdl/node_7018678.htm

http://image.baidu.com/i?tn=baiduimage&ct=201326592&cl=2&lm=-1&pv=&word=%B5%EF%C2%A5+%BF%AA%C6%BD&z=0

(alternativ auf Baidu gehen: http://image.baidu.com/ und dort in die Suchmaske 碉楼 开平 reinsetzen, fertig)

oder auch in meinem Album auf Putfile (eine kleine Auswahl):

http://www.putfile.com/zhouzhouforwenwen
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Geld mit mehr Wert

25 10 2007

Neulich habe ich irgendwo einen kurzen Bericht eines deutschen Bankkunden aus Nordchina gelesen. Dieser hatte den Eindruck, er sei für die Angestellten ein Ärgernis gewesen. Als ausländischer Bankkunde sei man schlicht eine doppelte Störung: nicht nur die gewöhnliche in Gestalt eines chinesischen Kunden. Die kann man ganz schnell aus der Welt schaffen, indem man den Kunden wegjagd oder ihm etwa den geforderten Vordruck aushändigt, um sich dann den wichtigen Dingen des Lebens zu zuwenden: essen, trinken, telefonieren. Nein, ein ausländischer Kunde sei ein härterer Brocken. Dieser erfordere nämlich größere Anstrengungen, zum Beispiel ein Gespräch in Englisch. Soweit der Ruf aus Nordchina.

Vor einigen Wochen war es soweit. Mein Bargeld war alle, ich brauchte neues. Bin also in die nächste Filiale nach Tangjia gefahren, dort wo ich mein Konto auch eröffnet hatte. Dort gibt es zwei Geldautomaten. Als ich eine Weile vor dem linken stand, verschiedene Knöpfe drückte und kein Geld rauskam, da gesellte sich ein junger Angestellter von alleine dazu und versuchte mir zu helfen. Er ging die gesamte Palette aller möglichen Tastenkombinationen durch, wie auch ich das vorher getan hatte – trotzdem bot der Automat lediglich die Möglichkeit an, die Karte zurückzubekommen. Meine Kohle rückte er nicht raus. Also holte der Angestellte Hilfe in der Gestalt eines etwas älteren Kollegen. Dieser erklärte, dass ich an dem linken Automaten leider kein Bargeld ziehen kann (den Grund hab ich nicht verstanden), aber am rechten Automaten ging’s problemlos. Die ganze Zeit waren die beiden super nett, geduldig und darauf aus, mich nicht ohne mein Bargeld gehen zu lassen. Zum Schluss entschuldigten sich die beiden geradezu für die Unannehmlichkeiten.

Mir fällt hier in Zhuhai auf, dass egal wo ich hingehe, was auch immer ich brauche die Chinesen hier sind nett, oft hilfsbereit und stets freundlich und geduldig. Meist zueinander, und fast immer zu mir und den anderen Ausländern.

Einen weniger guten Aspekt, was chinesische Banken angeht – dieser hat allerdings nichts mit den Unterschieden zwischen Nord- und Südchina zu tun -, gibt es doch. Als ich neulich in einer anderen Provinz, weit weg von Zhuhai, Geld abgehoben habe, da wurde ein Prozent der abgehobenen Summe als Gebühr berechnet. Ziemlich viel, find ich. Dafür aber ist hier die Kontoführungsgebühr unbekannt.





Gutes Wetter schlechtes Wetter

21 10 2007

Mit zwei gesunden Schultern reist es sich leichter. Selbst eine Einhand-Weltumseglung ist als Zweihand-Törn leichter zu absolvieren. Und weil mir für eine solche Reise nicht nur das Boot sondern zurzeit auch noch eine gesunde Schulter fehlt, bin ich dieses Wochenende zu Hause geblieben. Und so habe ich Zeit und Muße über wirklich wichtige Dinge nachzudenken. Zum Beispiel über das Wetter. Genauer gesagt: gutes Wetter, noch genauer: gutes Wetter zum verreisen. Ob Deutschland ob Südchina – hier wie dort wartet man auf gutes Wetter, um draussen etwas zu unternehmen, etwa eine Reise. Aber im Unterschied zu Deutschland ist es mir hier meist zu heiss, um rauszugehen oder wegzufahren. Mit gutem Wetter meine ich hier kühlere Luft und weniger Sonne. Und weil das Wetter hier so schlecht ist, bleibe ich meist zu Hause. Wie heute: Schon um acht Uhr morgens sind es gefühlte 28°C. Da bietet sich die Schulterverletzung gerade so an, um zu Hause zu bleiben und über das Wetter nachzusinnen.





Kein Loch – auch im letzten Loch

12 10 2007

Mir fällt auf, dass ich in China noch keine Funklöcher erlebt habe. Dabei ist das Land 27 Mal größer als Deutschland. Ok, ich war noch nicht im äußersten Westen, was dem Osten in Deutschland und Europa entspricht. Die Provinzen (bzw. Autonome Regionen) Xinjiang, Tibet, Qinghai oder Innere Mongolei etwa sind wesentlich dünner besiedelt, weniger entwickelt, insgesamt ärmer als die östlichen. Vielleicht ist dort die Versorgung mit Richtfunkanlagen nicht so gut wie hier im hochentwickelten Westen und Süden.

Auf die Überlegung bin ich gekommen, nachdem ich auf meiner Inselwanderung am letzten Sonntag an diesem Schild vorbeigeschlichen bin:

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Wie man sieht, ist auch meine klitzekleine Insel am Ende von China lückenlos abgedeckt.

Mir fällt überhaupt auf, dass die Chinesen völlig handyverrückt sind. Soweit ich das sehe, haben viele Chinesen gar keinen Festanschluss mehr. In der Stadt – alle drei Meter ein Handyladen, auch die letzte Bäuerin auf dem Geflügelmarkt telefoniert mit der linken, während sie mit der rechten ein lebendes Huhn der Kundin präsentiert. Ich habe hier schon Fischer auf den Booten telefonieren sehen. Neulich hat ein zahnloser Greis im Bus völlig unverständliche Laute in sein Handy gemurmelt. Von den Jungen ganz zu schweigen. Völlig selbstverständlich klappen sie ihr Handy auf, wenn sie im Gespräch mit mir sich nicht verständlich machen können und nach der Englisch-Übersetzung dort suchen. Kommt man in eine andere Stadt, wird man automatisch per SMS begrüsst und mit Wetter- und anderen Informationen versorgt. Mir fällt auf, dass die Chinesen vielfältiger und häufiger ihr Handy benutzen als die Deutschen.

Und viel, viel häufiger als ich. Ich habe nämlich meine abgrundtiefe Abneigung gegen diese kleinen Dinger immer noch nicht abgelegt. Auch wenn ich hier schon sogar Smsen musste, benutze ich mein Handy nicht gerne. Aber es nützt nichts, ich werde mir bald ein neues Handy zulegen müssen: Meines kann nämlich kein Chinesisch.





Ein G für ein M vorgemacht

5 10 2007

Gestern wurden mir an unzähligen Marktständen des riesigen unterirdischen Markts in Gongbei, auf dem Fussweg nach Macau, USB-Sticks mit Sony VAIO drauf und mit 64 GB, ja sogar mit 128 GB drin, angeboten. Und zwar für 8 Euro der kleinere, für 13 Euro der größere, und das schon nach dem ersten Abwinken. Hätte ich überhaupt angefangen zu handeln, hätte ich den Preis locker nochmal halbieren können. Die Händler haben als Reaktion auf meinen skeptischen Blick diesen Stick auch flink in ihre Notebooks reingesteckt, und siehe da: diese haben auch 64 bzw. 128 GB als Volumen angezeigt.

Auch wenn ich eine Speichermöglichkeit dringend brauche, um für den Notfall meinen Daten-Backup zu machen, bin ich skeptisch und standhaft geblieben. Wollte der Sache erst einmal nachgehen. Und siehe da, heute finde ich im Internet http://testberichte.ebay.at/Fake-64-GB-Sony-Vaio-USB-Sticks_W0QQugidZ10000000003939346 folgende Meldung: Hallo an alle, wieder einmal sind hier Fakes von 64 GB Memory Sticks zu beobachten. Angeblich sollen diese von der Marke Sony sein und aus der Modellreihe VAIO.Einen solchen USB Memorystickk hatte ich kurz in den Händen und konnte durch Tests feststellen, dass diese sich als Produkt der Firma ALCOR identifizierten und die „wahre“ Grösse wohl bei ca. 1GB liegen. Verschiedene Dateien wurden nur mit Nullen aufgefüllt oder geschrieben (siehe auch schon meine Vorgänger!). Beim Löschen und einem HKDSK darach wurden reihenweise unverkettete Einträge gefunden. Ein Hinweis auf fehlende Informationen. Ein Ausführen der Routine CONVERT (um das Medium in ein NTFS-LW zu konvertieren) schlug fehl.

Auch das ist China. Ich denke, ich werd mir demnächst in Hongkong oder Macau eine große externe Festplatte zulegen. Ist wohl die optimale Lösung.





Mit den Capri-Fischern nach Macau

4 10 2007

Voller Vorfreude – nach meiner Reise nach Nordchina und dem anschliessenden dreitägigen Auskurieren der Montezumarache – bin ich heute morgen in aller Herrgottsfrühe, das heisst gegen acht, nach Macau aufgebrochen. Endlich nach Macau! mit einem Langzeitvisum, keine Gebühren, kein neues Visum notwendig, das wird ein Spaziergang, ein schöner und voller Erinnerungen noch dazu.

Zunächst von meiner Insel nach Tangjia, in den 10er Bus umgestiegen, eine knappe Stunde nach Gongbei. Während der Fahrt liefen mir Bilder vom Heiligabend 1980: zuerst mit ein paar Freunden in die zweisprachige – auf Kantonesisch und Portugiesisch abgehaltene – Christmesse in der großen, überfüllten barocken Str. Francis Xavier Kirche, danach zu Füssen der Fassade der ausgebrannten Kathedrale Sao Paolo uns auf den Rasen gelegt unsere Schätze ausgepackt: Schwarzbrot, Schweizer Käse und eine Flasche Chianti, die wir kurz vorher in Hongkong gekauft hatten. Das war das erste Mal nach einem knappen halben Jahr in Taiwan, das wir etwas westliches essen und trinken konnten. Und vor uns soweit das Auge reicht, das jadegrüne Perlflussdelta, mit chinesischen Fischerbooten, die vor der blutroten, im Meer versinkenden Sonne im Hintergrund, mit ihrem Fang nach Hause zurückkehrten… Ein Genuss für alle Sinne. Das Lied Die Capri-Fischer auf Chinesisch, live und in Farbe, selbst eine Freundin hieß Marie (ok: Maria, und kam nicht aus Capri sondern aus Karlsruhe oder so, aber immerhin); nur vom Ablauf her anders herum als es Rudi Schuricke beschrieb.

Wir sind in Gongbei! – kreischt die Stimme aus allen Lautsprechern, auch aus dem direkt über meinem Ohr. Plötzlich rausgerissen aus meinen traumhaften Erinnerungen, sehe ich schon beim Aussteigen an der Endhaltestelle vor dem gigantischen Grenzübergang die Gründe, warum ich auch heute nicht nach Macau gehen kann: Sie sind viele tausend an der Zahl, alle haben schwarze Haare, sind chinesisch und stehen Schlange. Die Goldene Woche! Eine der dreien im Jahr. Mein Vorstellungsvermögen hatte mich schlicht im Stich gelassen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Myriaden Chinesen meine Idee heute, ausgerechnet heute! in die Tat umsetzen werden.

Am liebsten würde ich es mit Rudi Schuricke halten: ich komm zurück morgen früh. Das Problem ist nur, dass es morgen früh nicht anders sein wird. Also bis zum nächsten Mal, irgendwann. Um es mit den Capri-Fischern zu schliessen: Macau, ich vergess dich nie!





Wanderer, kommst du nach Zhuhai…

4 10 2007

… verkündige dorten, du habest deine Digitalkamera auf einer Parkbank liegen lassen, und wie das Gesetz es befahl, wurdest du von den Chinesen darauf aufmerksam gemacht!

Da ich schon mal da war, bin ich gleich im Zentrum von Zhuhai geblieben. Ein wenig rumgelaufen, Fotos gemacht, was gegessen. Als ich mich auf einer Bank ausgeruht habe, setzte sich ein junges Mädchen dazu. Wir haben uns so an die zwei Stunden unterhalten, und als wir dann aufgebrochen sind – sie zu ihrer Yin-Yang-Schule, ich den langen Weg nach Hause – , riefen ein paar der umhersitzenden Chinesen unisono etwas laut hinter mir her und deuteten auf unsere Bank: Ich habe meinen Fotoapparat liegen lassen!

In der wikitravel unter den Stichworten Macau und Sicherheit (http://wikitravel.org/de/Macau) steht: Mostly harmless. Es kommt gelegendlich vor, dass jemanden die Geldbörse geklaut wird, lang nicht so oft wie in ZhuHei, wo dies ein richtiger Volkssport ist. (Originaltext, ohne Änderungen)





Der schlimmste Computerfehler…

3 10 2007

… sitzt meist ca. 40 cm vor dem Bildschirm. Diese Weisheit alter Hasen im PC-Kundenservice fiel mir wieder ein, als vor zwei Tagen, beim Lesen von Emails, meine Internetverbindung plötzlich zusammengebrochen war. Weil ich kurz vorher am Rechner gefummelt hatte – Registry gesäubert, verschiedene Updates runtergeladen und installiert -, war ich mir sicher, selbst irgendwelchen Mist verursacht zu haben. Also habe ich zwei Tage lang versucht, den Fehler zu finden und zu reparieren. Aber heute, da dämmerte es mir langsam: Es könnte auch an anderen Dingen liegen. Telefonisch mein Problem auf Chinesisch zu erklären, erschien mir doch noch ein wenig zu früh. Bin hier erst einen Monat. Wissen Sie, der Splitter ist folgendermassen verkabelt: Splitter an TAE-Anschlussdose, und NTBA an Splitter (TAE-Anschlüsse front). Und ich glaube, es liegt an der fehlerhaften Versteckung von RJ45 mit TA33, der an NTBA hängt… Und wenn der TA33 korrekt konfiguriert ist, müsste es eigentlich funzen… Es hat mir schon gereicht, vor einiger Zeit mal für eine Bekannte bei der Deutschen Telekom einfach nur den Anschluss zu kündigen – in Deutschland und auf Deutsch! – ist mir übrigens nicht gelungen. Schon das erfordert neben Fachterminologie auch höhere menschliche Qualitäten wie Geduld und Nachsicht sowie ein Hochschuldiplom in Kommunikation.

Und das gleiche telefonisch auf Chinesisch? Wenn schon auf Chinesisch, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Ist irgendwie leichter. Also nix wie hin zu China-Telecom nach Tangjia. Bin der einzige Kunde. Die freundliche junge Dame hört sich mein Leid geduldig an. Kabel drin? Stecker in der Dose? Strom sonst in der Wohnung? – Ja. Ja. Ja! gebe ich ebenso freundlich zu Antwort. Sie greift zum Telefon und ruft den Techniker an. Sind Sie heute abend zu Hause? – wendet sich sich mir wieder zu. Ja… - stottere ich, völlig unvorbereitet auf so einen Vorschlag. Wann könnten wir denn da sein? Ich schaue auf die Uhr: halb fünf. Muss noch etwas besorgen… Sechs?Geht in Ordnung, so ab sechs, der Techniker hat nämlich noch vorher andere Termine. Bevor ich den Laden verlasse, bittet sie mich noch um meine Handynummer und gibt mir die vom Techniker, für alle Fälle. Dieser Fall ist aber nicht eingetreten. Der Techniker kam kurz vor halb sieben, war super freundlich und hat mein Problem nach fünf Minuten gelöst: ein Fehler an einer Schaltung draussen, oder zumindest habe ich ihn so verstanden, nachdem er kurz weg war und dann zurückkam. Fazit: zwei Stunden nach Bekanntgabe meines Problems war es auch schon gelöst. Und ein Leckerli als Dankeschön, das berühmte 麻花 Schmalzgebäck, das es nur in Tianjin gibt, hat er dankend abgelehnt.

Übrigens: Der Splitter hier ähnelt in Form und Größe einem mp3-Player. Er is kein so ein großer Kasten wie in Deutschland.





Nordchina – Reise in ein anderes Land

1 10 2007

Mit den Weltgegenden verhält es wie mit den Menschen: es gibt schöne und es gibt weniger schöne. Wenn beides zusammenkommt, sprich: schöne Menschen an schönen Orten, dann heisst das Tuvalu, Portofino oder Bora Bora. Und wenn die Menschen noch dazu Schlitzaugen haben, dann heisst das eben Zhuhai.

Aber der Reihe nach. An den fehlenden Einträgen in den letzten Tagen konntet ihr merken, dass ich ein paar Tage weg war. Bin nach Nordchina geflogen. Am morgen zwei Stunden mit dem Bus von Zhuhai zum Flughafen von Guangzhou. Die supermodernen und gigantischen Abflughallen, einfach umwerfend – im Vergleich dazu wirkt der Flughafen Hamburg Fuhlsbüttel wie ein kleiner Anbau. Dieser Flughafen hier ist am ehesten vergleichbar mit Ffm, aber eben viel moderner.

Aber Komfort hat eben seinen Preis. Diese Binsenweisheit bestätigte sich aufs Neue, als ich meine beiden Süchte: Kaffee und Internet befriedigen wollte. Weil ich diese beiden Fliegen mit einem Laptop schlagen wollte, habe ich mich in ein Cafè mit WLAN (so an die 15 Drahtlos-Netzwerke, fast alle ungesichert) gesetzt. Bestellt habe ich eine Tasse Mocca. Dieser wurde auch schnell serviert, aber bevor ich ihn austrinken konnte, war mein Notebook-Akku alle. 5,60 Euro bezahlt – ohne im Internet gewesen zu sein. Bitter, wie der Mocca eben.

Zunächst Bekannte in Tianjin besucht. Leider erst am Mittag nach dem Halbfinalspiel der deutschen Fussballdamen gelandet. Sonst wäre ich sicher ins Stadion gegangen.

Zwei Tage später in Beijing gewesen. Auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Tibet-Bahnhof haben wir eine kleine Stadtrundfahrt unternommen und sind mit dem Taxi am Tiananmen-Platz vorbeigefahren. Vor dem anstehenden Nationalfeiertag am 1. Oktober war alles sehr festlich geschmückt und illuminiert. Ein Hauch von Weihnachtsstimmung in einer beliebigen deutschen Grossstadt umwehte den größten Platz der Welt. Es fehlten nur noch die Glühweinstände und der Weihnachtsmarkt, und natürlich die Kälte eines Dezemberabends in Deutschland. Bei dieser gigantischen Illumination wäre Chevy Chains in „Es weihnachtet sehr!“ vor Neid ganz bestimmt neongelb geworden.

Beim Essen in Beijing ist mir die mögliche Erklärung dafür in den Sinn gekommen, warum die Chinesen so viel essen können ohne zuzunehmen: Sie stehen sofort nach dem Essen auf und gehen, das bedeutet, den Großteil der Kalorien verbrennen sie sofort. Übrigens hat mich nach dem Essen in Beijing – Pekingente, was sonst! – Montezumas Rache erwischt. Einmal in einem etwas gehobenen Restaurant gegessen und schon hab ich den Salat… bzw. den habe ich nicht allzu lange gehabt… aber lassen wir das!

Nach dem Essen weiter zum Tibet-Bahnhof in Beijing zu Fuss gegangen. Dort angekommen, sah ich die Menschenmassen im Wartesaal. Und da kam mir eine Frage wieder in den Sinn, die mich schon seit Jahrzehnten quält und auf die ich noch keine Antwort habe. Kann mir das bitte jemand erklären: Warum, warum bloss müssen die Fahrgäste in China stundenlang im Wartesaal ausharren, um dann im letzten Moment losgelassen zu werden und zum Zug rennen zu müssen. Gibt es dafür einen vernünftigen Grund?

Als letzte Station meiner Reise war Zhengzhou, die Hauptsstadt der Provinz Henan, dran.

Nach meinem Abstecher in den Norden kann ich nur sagen: Ich habe ein unglaubliches Glück, hier im Süden, in Zhuhai zu leben. So ein schöne Stadt gibt es nicht so schnell wieder. Daraus könnt ihr umkehrschliessen, dass mir die beiden nordchinesische Städte nicht gefallen haben. Ich könnte mir nicht vorstellen, dort zu leben. Ok, wenn ich es müsste: Job, Frau oder ähnliches, aber freiwillig… niemals! Extrem schlechte Luft, Stau Tag und Nacht, Häuserschluchten gefüllt mit Bussen, Lkw, Fahrrädern, Pkw und einer Menge schlecht gelaunter, schlecht aussehender Menschen mit großen Körpern und groben Gesichtern. Mir fällt auf, dass die Chinesen hier im Norden viel unfreundlicher, verschlossener und schlecht gelaunt wirken. Ich habe hier das Lachen und die Freundlichkeit meiner Chinesen in Zhuhai sehr vermisst. Kein Vergleich zu den schönen, zierlichen, oft lächelnden Südchinesen. Dazu Schmuddelwetter alà Hamburg: kalt, windig und Nieselregen. Es scheint so zu sein, dass die Umgebung die Menschen prägt. Oder ist das umgekehrt: Die Menschen mit ihrem Wesen prägen ihren Lebensraum? Welch eine große Frage!

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: ein Restaurantbesuch. Wir gehen in ein Restaurant in Zhengzhou. Das Wort Restaurant beschreibt diese Lokalität jedoch sehr unzutreffend. Eine riesige Halle mit schätzungsweise mehr als hundert Tischen. Als wir dort ankommen – es ist 17.00 -, ist diese zugige Halle menschenleer, bis auf etwa 20 Mädchen Personal. Von den ausgewählten Speisen gab es jede zweite an diesem Tag nicht im Angebot. Wir sassen in dieser ungemütlichen und kalten Halle anfangs weit und breit alleine: das heisst, auch die Bedienung zerstreute sich in alle Richtungen, nur noch lautes Lachen und Kreischen zeugte von ihrer Anwesenheit am Arbeitsplatz. Allerdings weit von den Gästen entfernt. Gelegentlich huschten sie an uns vorbei, völlig vertieft in ihr Jagdspiel. Glücklicherweise haben sie uns nicht zu verstehen gegeben, dass wir stören. Ach so: Das Essen brachten sie dann doch irgendwann.

Wenn ich nur daran denke, wie flink und freundlich man in Zhuhai bedient wird! An jedem der wenigen Tische in den meist von Familien betriebenen Gaststätten lauert eine Bedienung, die auf die kleinste Regung des Gastes sofort und freundlich reagiert. Auch ein nettes Wort gehört hier zum Service wie der Reis zur Speisekarte. Den Rest besorgt die warme Luft und das abends milde Licht; tagsüber die Sonne, sofern man im Schatten sitzt, und der von Palmen umsäumte Meeresstrand.

Ist das schon eine Liebeserklärung? Dafür ist es aber nach nur einem Monat zu früh. Es kann sich höchstens um Verliebtheit handeln. Egal, ich habe jedenfalls das Gefühl, nach Hause zu fliegen.

Übrigens, meine Fotos sind hier zu sehen: http://www.putfile.com/zhouzhouforwenwen/images





Eine galaktische Erfahrung?

19 09 2007

Eine Frage ist für mich seit heute definitiv beantwortet: Alle Behörden auf diesem unserem Blauen Planeten – unabhängig von kulturellem Hintergrund, politischem System, Kontinent, Höhe über dem Meeresspiegel, Klima, Sprache, Hautfarbe und Religionszugehörigkeit der Bediensteten – alle, aber auch alle Behörden funktionieren gleich! Was ist daran so neu?, wird der eine oder andere fragen, der schon mal seine Steuererklärung in Oer-Erkenschwick abgegeben und einen Bauantrag in Clausthal-Zellerfeld gestellt hat. Vielleicht ist das für den einen oder anderen eine abgewetzte Binsenweisheit. Für mich als einen unheilbaren Optimisten dagegen bleibt die ewige Hoffnung am Leben, irgendwann, irgendwo einmal an einem Verwaltungsakt teihaben zu dürfen, nach dessen Vollzug man sagen kann: WOW! Wie zum Beispiel nach dem neuerlichen Sieg der deutschen Fussballnationalmannschaft gegen Argentinien bei der Frauen-WM – in China (womit ein Bezug hergestellt wäre).

Also heute, heute war mein großer Tag: Visum beantragen! Und zwar mein Jahresvisum für China. Nachdem der Gesundheitscheck keine Ablehnungsgründe geliefert hatte, und auch sonstige Genehmigungen eingeholt waren, bin ich heute morgen nach Zhuhai gefahren. Bewaffnet mit mustergültig, in schönster Handschrift ausgefüllten Formularen (alle Fotos am rechten Fleck bombensicher festgeklebt), frisch rasiert, gut gelaunt und frohen Mutes (habe schliesslich auch noch an Ersatzfotos gedacht! ha! ganz schön clever von mir!) betrat ich das für Visumangelegenheiten, Ausländer- und sonstige Sicherheitsfragen zuständige Amt. Am Service-Schalter im ersten Stock bat ich die freundlich lächelnde junge Dame um eine Wartenummer. Die Nummer: 08, der Wartebereich für Ausländer fast leer. Gut! Zum Mittagessen bin ich wieder zu Hause. Allerdings bat mich die Angestellte vorsorglich, ihr meine Antragsunterlagen zu zeigen. Ebenfalls freundlich lächelnd breitete ich meinen ganzen Stolz vor ihr aus. Allerdings fiel der hübschen Bediensteten gleich auf, dass mein Foto auf dem Antragsformular einen weissen Hintergrund vorweist. Auf meinen Einwand hin, der Fotograf in Tang Jia habe mir ausdrücklich zugesichert, bei den von ihm angefertigten Aufnahmen handele es sich ganz bestimmt um Fotos für einen Visumantrag, antwortete die nach wie vor sehr freundlich wirkende Chinesin: Nun, so war es im letzten Jahr. In diesem Jahr akzeptieren wir nur noch Aufnahmen mit blauem Hintergrund. Durch jahrzehntelange Grabenkämpfe mit Behörden gestählt, habe ich alle weiteren Fragen und Einwände als Zeitvergeudung verstanden und mir diese verkniffen, bis auf eine: Wo kann ich Fotos mit blauem Hintergrund anfertigen lassen?

Zum Glück war das Fotostudio gleich gegenüber, auf der anderen Strassenseite. Diese habe ich auch überquert, ohne mich auf die Motorhaube eines der vielen vorbeisausenden Autos zu verirren. Allerdings war der Laden proppenvoll. Wohl alles Dumme, die nicht mitbekommen haben, dass die Modefarbe dieser Saison Blau heisst. Irgendwann war auch ich an der Reihe. Während der Fotograf sein Handwerk verrichtete: Gucken Sie mehr nach rechts! Nein, nicht sooo weit, zurück. Jetzt mehr nach oben! Und lächeln Sie ein wenig… gesellte sich die Chefin dazu und erzählte mir, dass ihr Mann Amerikaner sei, der in Wyoming lebt. Dann hat sie mir noch angeboten, dass Foto privat und gratis per Email zuzuschicken. Echt nett. Doch auch die netteste Unterhaltung ist irgendwann zu Ende; spätestens dann, wenn das Touristenvisum ausläuft und man noch keinen Ersatz hat.

Ich also wieder über die Strasse, in das Amtsgebäude rein. Erster Stock, die freundliche junge Dame kurz mal aus dem Sekundenschlaf gerissen, Nummer gezogen. Gut fünf Minuten gewartet. Ding dong, meine Nummer erscheint, bin dran. Während ich meine wohlsortierten Unterlagen aus dem Ordner hole und mein Konterfei vor blauem Hintergrund betont lässig vor die junge freundliche Visabeamtin lege, lobt sie mich für mein Chinesisch und fragt nach dem Grund für meinen Chinaaufenthalt. Weil ich China sehr mag! - nach dieser Antwort kann rein gar nichts mehr schief gehen, dessen bin ich mir jetzt total sicher.

Als sie aber mein Antragsformular in die Hand nimmt, und das Wort Aber… sehr langsam in ihrer Kehle beginnend, über die Zungenspitze rollt, zwischen den zugespitzten Lippen ihrem Mund entweicht und sich in meine Ohren bohrt – in diesem Moment schmilzt all meine Zuversicht dahin, wie der dünne Eisbelag auf den tiefgekühlten Coladosen in der Zhuhaier Mittagssonne. … Sie haben das Formular per Hand ausgefüllt! Fieberhaft versuche ich mich an jede Verhaltensweise für Ausländer in China zu erinnern die ich jemals in einem der unzähligen China-Ratgebern gelesen habe. Von Handschriften-Verbot war nirgends die Rede. Seit einem halben Jahr werden alle Formulare bei uns automatisch gelesen und elektronisch archiviert. Sie müssen es auf dem Computer ausfüllen. Tut mir leid. Mir auch. Vor allem, weil mein Mittagessen ohne mich stattfindet. Rund eine Stunde Hinweg, eine gute Stunde Behörde und Fotostudio, eine Stunde zurück – das bedeutet, mein gewohntes Mittagessen ist für heute passe; muss mich dringend um meine Nahrungsaufnahme andernorts als sonst kümmern. (Ich habe neulich von meiner rasanten Sinisierung geschrieben. Der ständige Hunger, oder vielmehr das ständige Denken ans Essen, ist ein weiteres Zeichen dafür!) Also morgen noch einmal hin: die hübsche Angestellte am Infoschalter bitten, eine Nummer für mich zu ziehen; der freundlichen Visa-Beamtin erzählen, dass mich meine China-Affinität in dieses Land geführt hat; vielleicht auch beim Fotostudio vorbeischauen und der freundlichen Chefin ein Danke schön! für das Emailfoto sagen – China lehrt Gelassenheit. Und Dankbarkeit. Zum Beispiel dafür, dass Chinas Strafgesetzbuch keine Strafen für handschriftliche Einträge auf amtlichen Formularen vorsieht.

Tief entspannt und voller Dankbarkeit überlegte ich auf dem Heimweg im Bus, warum es so ist, dass Antragsteller aus allen Weltgegenden von ähnlichen Erlebnisses mit Behörden berichten. Vielleicht ist es so, weil nur Menschen mit einem besonderen Beamten-Gen sich zu einer derartigen Tätigkeit hingezogen fühlen? Und sind sie erst einmal drin und tragen dort Verantwortung für die Funktionsweise ihrer Institution, dann verrichten sie ihren Job nach einem seit Jahrmillionen festgelegten Muster. Wie zum Beispiel verschiedene Vogelarten, die ihre Nester immer nach einem speziellen, ihrer Art eigenem Muster bauen? Neulich habe ich gelesen, dass sogar Wale in verschiedenen Dialekten miteinander kommunizieren. Warum ist das so? Ich sage nur: Gene. Und wenn meine These stimmt, wonach die Beamten ein besonderes Gen in ihrem Erbgut vorweisen können, wird man dieses Gen auch bei Beamten auf von Außerirdischen bewohnten erdähnlichen Exoplaneten in fernen Galaxien finden? Oder geht man auf diesem Planeten – sagen wir mal auf dem OGLE-2005-BLG-390Lb, der glücklicherweise kälter sein soll als der Ypsilon Andromedae D – aufs Amt und nach 10 Minuten kommt man raus mit genehmigtem Antrag auf Anbau am alten Geräteschuppen im Schrebergarten?

Bevor ich dieser Frage noch weiter nachgehen konnte, stoppte der Bus leider schon vor meinem Haus. Das nächste Mal nehme ich lieber meinen Sonnenschirm wieder mit oder setze mich zumindest auf die schattige Busseite. Besser ist das.