Eine Frage ist für mich seit heute definitiv beantwortet: Alle Behörden auf diesem unserem Blauen Planeten – unabhängig von kulturellem Hintergrund, politischem System, Kontinent, Höhe über dem Meeresspiegel, Klima, Sprache, Hautfarbe und Religionszugehörigkeit der Bediensteten – alle, aber auch alle Behörden funktionieren gleich! Was ist daran so neu?, wird der eine oder andere fragen, der schon mal seine Steuererklärung in Oer-Erkenschwick abgegeben und einen Bauantrag in Clausthal-Zellerfeld gestellt hat. Vielleicht ist das für den einen oder anderen eine abgewetzte Binsenweisheit. Für mich als einen unheilbaren Optimisten dagegen bleibt die ewige Hoffnung am Leben, irgendwann, irgendwo einmal an einem Verwaltungsakt teihaben zu dürfen, nach dessen Vollzug man sagen kann: WOW! Wie zum Beispiel nach dem neuerlichen Sieg der deutschen Fussballnationalmannschaft gegen Argentinien bei der Frauen-WM – in China (womit ein Bezug hergestellt wäre).
Also heute, heute war mein großer Tag: Visum beantragen! Und zwar mein Jahresvisum für China. Nachdem der Gesundheitscheck keine Ablehnungsgründe geliefert hatte, und auch sonstige Genehmigungen eingeholt waren, bin ich heute morgen nach Zhuhai gefahren. Bewaffnet mit mustergültig, in schönster Handschrift ausgefüllten Formularen (alle Fotos am rechten Fleck bombensicher festgeklebt), frisch rasiert, gut gelaunt und frohen Mutes (habe schliesslich auch noch an Ersatzfotos gedacht! ha! ganz schön clever von mir!) betrat ich das für Visumangelegenheiten, Ausländer- und sonstige Sicherheitsfragen zuständige Amt. Am Service-Schalter im ersten Stock bat ich die freundlich lächelnde junge Dame um eine Wartenummer. Die Nummer: 08, der Wartebereich für Ausländer fast leer. Gut! Zum Mittagessen bin ich wieder zu Hause. Allerdings bat mich die Angestellte vorsorglich, ihr meine Antragsunterlagen zu zeigen. Ebenfalls freundlich lächelnd breitete ich meinen ganzen Stolz vor ihr aus. Allerdings fiel der hübschen Bediensteten gleich auf, dass mein Foto auf dem Antragsformular einen weissen Hintergrund vorweist. Auf meinen Einwand hin, der Fotograf in Tang Jia habe mir ausdrücklich zugesichert, bei den von ihm angefertigten Aufnahmen handele es sich ganz bestimmt um Fotos für einen Visumantrag, antwortete die nach wie vor sehr freundlich wirkende Chinesin: Nun, so war es im letzten Jahr. In diesem Jahr akzeptieren wir nur noch Aufnahmen mit blauem Hintergrund. Durch jahrzehntelange Grabenkämpfe mit Behörden gestählt, habe ich alle weiteren Fragen und Einwände als Zeitvergeudung verstanden und mir diese verkniffen, bis auf eine: Wo kann ich Fotos mit blauem Hintergrund anfertigen lassen?
Zum Glück war das Fotostudio gleich gegenüber, auf der anderen Strassenseite. Diese habe ich auch überquert, ohne mich auf die Motorhaube eines der vielen vorbeisausenden Autos zu verirren. Allerdings war der Laden proppenvoll. Wohl alles Dumme, die nicht mitbekommen haben, dass die Modefarbe dieser Saison Blau heisst. Irgendwann war auch ich an der Reihe. Während der Fotograf sein Handwerk verrichtete: Gucken Sie mehr nach rechts! Nein, nicht sooo weit, zurück. Jetzt mehr nach oben! Und lächeln Sie ein wenig… gesellte sich die Chefin dazu und erzählte mir, dass ihr Mann Amerikaner sei, der in Wyoming lebt. Dann hat sie mir noch angeboten, dass Foto privat und gratis per Email zuzuschicken. Echt nett. Doch auch die netteste Unterhaltung ist irgendwann zu Ende; spätestens dann, wenn das Touristenvisum ausläuft und man noch keinen Ersatz hat.
Ich also wieder über die Strasse, in das Amtsgebäude rein. Erster Stock, die freundliche junge Dame kurz mal aus dem Sekundenschlaf gerissen, Nummer gezogen. Gut fünf Minuten gewartet. Ding dong, meine Nummer erscheint, bin dran. Während ich meine wohlsortierten Unterlagen aus dem Ordner hole und mein Konterfei vor blauem Hintergrund betont lässig vor die junge freundliche Visabeamtin lege, lobt sie mich für mein Chinesisch und fragt nach dem Grund für meinen Chinaaufenthalt. Weil ich China sehr mag! - nach dieser Antwort kann rein gar nichts mehr schief gehen, dessen bin ich mir jetzt total sicher.
Als sie aber mein Antragsformular in die Hand nimmt, und das Wort Aber… sehr langsam in ihrer Kehle beginnend, über die Zungenspitze rollt, zwischen den zugespitzten Lippen ihrem Mund entweicht und sich in meine Ohren bohrt – in diesem Moment schmilzt all meine Zuversicht dahin, wie der dünne Eisbelag auf den tiefgekühlten Coladosen in der Zhuhaier Mittagssonne. … Sie haben das Formular per Hand ausgefüllt! Fieberhaft versuche ich mich an jede Verhaltensweise für Ausländer in China zu erinnern die ich jemals in einem der unzähligen China-Ratgebern gelesen habe. Von Handschriften-Verbot war nirgends die Rede. Seit einem halben Jahr werden alle Formulare bei uns automatisch gelesen und elektronisch archiviert. Sie müssen es auf dem Computer ausfüllen. Tut mir leid. Mir auch. Vor allem, weil mein Mittagessen ohne mich stattfindet. Rund eine Stunde Hinweg, eine gute Stunde Behörde und Fotostudio, eine Stunde zurück – das bedeutet, mein gewohntes Mittagessen ist für heute passe; muss mich dringend um meine Nahrungsaufnahme andernorts als sonst kümmern. (Ich habe neulich von meiner rasanten Sinisierung geschrieben. Der ständige Hunger, oder vielmehr das ständige Denken ans Essen, ist ein weiteres Zeichen dafür!) Also morgen noch einmal hin: die hübsche Angestellte am Infoschalter bitten, eine Nummer für mich zu ziehen; der freundlichen Visa-Beamtin erzählen, dass mich meine China-Affinität in dieses Land geführt hat; vielleicht auch beim Fotostudio vorbeischauen und der freundlichen Chefin ein Danke schön! für das Emailfoto sagen – China lehrt Gelassenheit. Und Dankbarkeit. Zum Beispiel dafür, dass Chinas Strafgesetzbuch keine Strafen für handschriftliche Einträge auf amtlichen Formularen vorsieht.
Tief entspannt und voller Dankbarkeit überlegte ich auf dem Heimweg im Bus, warum es so ist, dass Antragsteller aus allen Weltgegenden von ähnlichen Erlebnisses mit Behörden berichten. Vielleicht ist es so, weil nur Menschen mit einem besonderen Beamten-Gen sich zu einer derartigen Tätigkeit hingezogen fühlen? Und sind sie erst einmal drin und tragen dort Verantwortung für die Funktionsweise ihrer Institution, dann verrichten sie ihren Job nach einem seit Jahrmillionen festgelegten Muster. Wie zum Beispiel verschiedene Vogelarten, die ihre Nester immer nach einem speziellen, ihrer Art eigenem Muster bauen? Neulich habe ich gelesen, dass sogar Wale in verschiedenen Dialekten miteinander kommunizieren. Warum ist das so? Ich sage nur: Gene. Und wenn meine These stimmt, wonach die Beamten ein besonderes Gen in ihrem Erbgut vorweisen können, wird man dieses Gen auch bei Beamten auf von Außerirdischen bewohnten erdähnlichen Exoplaneten in fernen Galaxien finden? Oder geht man auf diesem Planeten – sagen wir mal auf dem OGLE-2005-BLG-390Lb, der glücklicherweise kälter sein soll als der Ypsilon Andromedae D – aufs Amt und nach 10 Minuten kommt man raus mit genehmigtem Antrag auf Anbau am alten Geräteschuppen im Schrebergarten?
Bevor ich dieser Frage noch weiter nachgehen konnte, stoppte der Bus leider schon vor meinem Haus. Das nächste Mal nehme ich lieber meinen Sonnenschirm wieder mit oder setze mich zumindest auf die schattige Busseite. Besser ist das.