Ein chinesischer Bekannter fragt mich heute beim Abendbrot, ob ich Lust hätte mit ihm in die Stadt zu fahren. Er will seinen Schuh reparieren lassen. Wir also hin. Unterwegs erzählt er mir, dass die Schuhe erst zwei Monate alt sind, und die Sohle sich nach dem letzten Regen vom Schaft gelöst hat. Schuhe zwei Monate alt, kaputt? In Deutschland würde man zurück in den Laden gehen wo man sie gekauft hat (falls man die Quittung glücklicherweise noch irgendwie irgendwo findet) , vom Händler die Erstattung den Kaufpreises verlangen; dieser würde sich wahrscheinlich weigern: „Was, Sie wollen im Ernst nach zwei Monaten das Geld von mir?!“ Diejenigen, die auf Krawall gebürstet sind, würden sich eine wüste Schimpforgie mit dem Händler liefern, die Reichen würden sich einen Anwalt nehmen, und die Mutlosen würden wahrscheinlich erst gar nicht zum Laden zurück gehen, sondern sich gleich ein neues Paar beim Schuhhändler um die Ecke holen.
Nicht so in China. Wir also hin nach Zhuhai. In einer kleinen quirligen Seitengasse reiht sich ein Schuster an den anderen. Und alle haben sie ihre Reparaturstände auf den Gehweg ausgelagert. Ein älterer Herr schaut sich im Licht einer kleinen Funzel den Schuh kurz an und macht sich gleich an die Arbeit. Er näht in nullkommanix fachmännisch mit einer großen dicken Nadel und Schustergarn die Sohle nicht nur an der kaputten Stelle an sondern gleich einmal um den ganzen Schuh herum. Dann fragt er nach dem anderen, dem heilen Schuh. Die gleiche Prozedur. Ruckzuck fertig. Schuhe wie neu. Und das alles für 60 Eurocent.
Und die Moral von der G’schicht? Billig + Günstig = Gut! Und nervenschonend.